Die erste Fischerfamilie hat sich Mitte 19. Jahrhundert in Prainha do Canto Verde niedergelassen.

 

Die Fischer an der brasilianischen Küste im Nordosten lebten damals wie heute vom Langustenfang, aber erst seit etwa 1930, gewann die Languste an kommerziellem Wert. Doch entlang der flachen Küste sind die Jangadas der Fischer für den kommerziellen Langustenfang geeignet: Das Meer mit ihrem Habitat ist an der Küste sehr seicht.

 

Die Langustenbänke sind bis heute rund um die Häfen zwischen Fortaleza und Recife konzentriert und erzeugten in den 1950er Jahre einen grossen Handelsüberschuss für Brasilien. 

"Langustenkrieg" wird manchmal  ironischerweise der Konflikt zwischen Frankreich und Brasilien in den frühen 1960er Jahren über den Fang der Krustentiere genannt.

 

Frankreich verlor damals seinen Status als Kolonialmacht und damit seine afrikanischen Fischgründe für die unterdessen weltweit beliebten Langusten.

Französische Fischer wichen nach Mittel und Südamerika aus.

Der Konflikt wird im Jahr 1961 mit der brasilianischen Entscheidung angeheizt, seine exklusive Fischereizone für französische und internationale Schiffe zu verbieten. 1962/63 werden einige Langustenfangboote gekapert.

 

Präsident de Gaulle schickte 1963 Kriegsschiffe in die Gegend, um seine französischen Fischer zu schützen.

Brasilien konterte, die Presse spielte das ganze hoch, doch nach einer kurzen Periode der Spannungen , dann Verhandlungen wurde der Konflikt schließlich friedlich beigelegt. Die brasilianische Regierung beorderte ihre zehn Kriegsschiffe, die wegen des »Langustenkrieges« mit Frankreich alarmiert worden waren, in die Heimathäfen zurück.

Die lokalen brasilianischen Fischer hatten allerdings wenig davon, waren sie doch abhängig von Grossabnehmern und ihre finanzielle und soziale Situation war desolat.

 

In den 70iger/80iger Jahren verschlechterte sich ihre Situation noch drastischer unter der Militärdiktatur. Damals wurden die ersten flachen Motorboote für den Langustenfang subventioniert; die Langusten-Piraterie war geboren.

 

In Prainha lebte man noch in Strohhütten und sozialen Einrichtungen wie Schulen waren im einzigen Backsteinhaus untergebracht, und noch gab es kein Gemeindehaus, wo sich die Fischer versammeln konnten.

Obwohl damals von einem lokalen Priester unterstützt, änderte sich der desolate Zustand erst langsam, als der damalige Schweizer, René Schärer, erst in Prainha do Canto Verde, wo er sich niederliess, später an der ganzen Küste in Ceará anfing, die Artesanalen Fischer zu organisieren. Vor Ort gründete er mit Hilfe von Stiftungen eine Schule, organisierte die Aus- und Fortbildung der Lehrer, medizinische Versorgung und generell praktische Kurse für die Einwohner. Dadurch entstand die erste Generation Jugendlicher mit qualitativ guter Schulbildung. Die Kindersterblichkeit wurde von fast 30% auf Null gesenkt. Das es das Fischerdorf als solches überhaupt noch gibt, ist sein Verdienst. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Mehrfach erhielt er Drohungen, wurde vor Gericht gezerrt. Heute lebt er nach längerer Krankheit zurückgezogen in Prainha.

Eine seiner ersten grossen Aktionen war das Wiederaufleben historischer Traditionen. So regte er die Wiederholung einer historischen Regatta aus dem Jahr 1941 an. Damals hatten die Fischer lange Reise auf einem lokalen Fischerboot - einer Jangada -  von Fortaleza bis nach Rio de Janeiro entlang der Küste unternommen. Unterwegs hielten sie häufig an, um auf ihre sozialen Probleme und die Problematik der Überfischung aufmerksam zu machen. Diese Reise bekam viel Aufmerksamkeit.

Sogar der amerikanische Filmdirektor Orson Wells, der im Auftrag der amerikanischen Regierung während des zweiten Weltkrieges Brasilien auf einer Goodwill-Tour besuchte, war von der Idee der Reise fasziniert und versuchte, vor Ort die Original-Geschichte filmisch nachzuvollziehen.

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Nahrungssicherheit wurde unter den Fischern seit jeher gross geschrieben; sie teilen sich den Fischfang. Langusten sind für den Verkauf reserviert.

Eines der strukturellen Probleme damals wie heute ist die Wahlbestechung. Ein paar Kilometer asphaltierte Strasse, Anschluss ans Stromnetz und Strassenbeleuchtung sind nicht selbstverständlich. Prainha bekam das alles erst 1998 – als Wahlgeschenk. Bis zu den nächsten Wahlen gab es keine Erweiterung der Infrastruktur mehr. So funktioniert brasilianische Politik bis heute.

Leider hat nach der Jahrtausendwende die Drogenmafia Einzug ins Dorf gehalten. Die Provinzhauptstadt Fortaleza - nur zwei Stunden Autofahrt entfernt - ist einer der wichtigsten Drogenumschlagplätze Südamerikas geworden. Auch die Fischerjugend hat Bekanntschaft mit Crack und anderen Drogen gemacht. Das führte zu einigen Einbrüchen und Überfällen, ja sogar zu Mord. Einige wurden ins Gefängnis gesteckt. Das schien abschreckend genug, um die Situation etwas zu beruhigen aber das Drogenproblem ist dadurch nicht gelöst und in einer Gegend ohne staatliche  soziale Unterstützung und Therapien, sind Eltern hilflos.

Erschwert wird dies durch den Zerfall der Dorfgemeinschaft. Finanziert vom einflussreichen Investor Tales de Sá Cavalcante wurde ein zweiter Dorfverein gegründet, der versucht, die Erklärung zum Schutzgebiet wieder aufzuheben, die Gemeinschaft zu spalten und Einfluss auf die Dorfschule und die Bildungsinhalte zu gewinnen. Nachdem der Schuldirektor "Dedé" Costa Ferreira diesem Ansinnen gemeinsam mit dem Elternverein 2018 eine Absage erteilt hatte, wurde trotzdem ein Befürworter der RESEX-Auflösung zum neuen Leiter und Dedé zum Lehrer heruntergestuft. Ausserdem erliess ein Richter Anfang 2019 einen Räumungsbefehl für Dedés Privathaus.  

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Hintergrund ist ein alter Landstreit. Nach dem Tod des ursprünglichen Eigentümers wurde das Grundstück von den Erben an einen Portugiesen verkauft, doch in diesem Moment verbot ein gerichtliches Embargo jegliche Transaktionen in diesem Teil von Prainha do Canto Verde. Das Grundstück wurde verlassen; 2003 erhielt Dedé die Erlaubnis des Bürgervereins, darauf zu bauen. Daraufhin versuchte der ursprüngliche Käufer, das Grundstück samt Haus zu bekommen; der Fall wurde aber nach mehreren Jahren archiviert und nun wieder ausgegraben, ohne Dedé davon zu informieren oder ihm eine Chance auf Verteidigung zu geben. Der Richter, der das Urteil erliess, steht unter Korruptionsverdacht und wurde in vorzeitigen Ruhestand versetzt. Unklar ist, ob dies nur ein privatrechtlicher Konflikt ist oder dazu dienen soll, das RESEX und die Dorfgemeinschaft als Ganzes zu schwächen.Glücklicherweise haben sich nun einige Menschenrechtsanwälte der Sache angenommen und konnten Dedé's Räumungsbefehl vorerst aussetzen.

Trailer

2014/15

Claire & Neu

Claire, aus London, verheiratet mit dem Fischer Arineu in Prainha, Lehrerin, lokale Fotografin, lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Prainha und arbeitet aktiv mit, das Dorf zu erhalten.

Wie lebt eine Engländerin in Prainha do Canto Verde?

Und nicht zuletzt:

Sandra & Charlotte

Journalistin & Filmemacherin, die sich ca. 2006 das erste mal in Prainha do Canto Verde getroffen und in Europa die Thematik rund um Prainha do Canto Verde bekannt gemacht haben.

Sandra Weiss, Mexiko

ehemalige Diplomatin und Politologin (Institut d’Etudes Politiques, Paris) voluntierte bei afp. Dort arbeitete sie vier Jahre lang als CvD am Auslandsdesk in Bonn und Berlin und berichtete ausserdem aus Brüssel. Seit 1999 arbeitet sie als freie Korrespondentin in Lateinamerika u.a. für Die Zeit, NZZ, Tagesspiegel, Badische Zeitung, Le Monde Diplomatique, den Schweizer Rundfunk, die Deutsche Welle u.a.. Politik und Umwelt sind ihre Spezialgebiete.

Charlotte Eichhorn, Schweiz

ist unabhängige Filmemacherin und reist seit 40 Jahren um die Welt. Zuerst als Kamerafrau, dann als ihre eigene Producerin schrieb, filmte und editierte sie Geschichten über Umwelt, Kinder und Frauen, wissenschaftliche Beiträge und viele Dokumentarfilme, vor allem aus Entwicklungsländern und Kriegsgebieten. Ihre Beiträge wurden von deutschsprachigen TV Sendern ausgestrahlt, darunter dem Kultursender 3sat und dem Schweizer Fernsehen.

2014: Dokumentarfilm über die Problematik in Prainha do Canto Verde

ältere Beiträge über Prainha do Canto Verde

1997/98

2000

nano/ 3sat

Kindersendung SRF

2006

2010

nano/ 3sat

Videokurs für Jugendliche