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Kräuterfrauen wider die                      Grossindustrie

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Der pausenlose Kampf um das Urheberrecht indigener Heilpflanzen

Charlotte Eichhorn

aus

Die Provinz Misiones in Argentinien hat im Jahr 2022 die "Indigene Medizin" neben anderen alternativen Heilungsmethoden als Komplementärmedizin im öffentlichen Gesundheitssystem anerkannt. Allerdings ist bis heute unklar, wie genau diese Medizin abgerechnet wird und wer offiziell dazu befugt ist, sie auszuüben. Im Gesetzesentwurf heißt es in üblichem, unverständlichem und vagen Fachjargon: 

Ausschnitt aus Gesetzesentwurf:

"Befähigt sind Fachkräfte für Praxis oder Therapien der traditionellen und Komplementärmedizin, die einen Abschluss besitzen, der in den entsprechenden Bildungsstudiengängen erworben wurde, die anerkannt werden, wenn sie bereits existieren, oder die eine Genehmigung der Vollzugsbehörde erhalten."

Doch was bedeutet das für eine indigene Gemeinschaft? Müssen indigene Kräuterfrauen, oft schon älteren Jahrgangs und kaum des Lesens mächtig, mit ihrem jahrhundertealten überlieferten Wissen an der Universität "ausgebildet" werden? Gewinnen oder verlieren sie dabei? Über ein Jahr nach der offiziellen Anerkennung ist noch nichts abschließend geregelt. Die Industrie versucht, diese Lücke gewinnbringend auszunutzen.

In einem Land wie Argentinien, wo die Inflation des Pesos seit Jahren bis zu 140% jährlich beträgt, sind auch für Indigene kleine Einkommen wichtig.

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Elsa Ortega

ist Kräuterfrau

und Mby'a-Guaraní. Sie hat 11 Kinder aufgezogen, die alle dank ihrer Kräuter überlebt haben, was in ihrer Generation keineswegs die Regel war.

 

Sie wohnt seit der Gründung in einer der wenigen legal anerkannten indigenen Gemeinschaften - in Tamandua im Bundesstaat Misiones im Dreiländereck Argentinien, Brasilien und Paraguay.

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Jorgelina Duarte

ist Mby'a-Guaraní,

und Delegierte des Guaraní-Dachverbandes CCNAGUA.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Guaraní-Sprachlehrerin in einer interkulturellen Mby'a-Guaraní Schule.

 

Ihr verstorbener Großvater war einer der bekanntesten Schamanen der Mby'a-Guaraní. Sie vermisst ihn sehr.

Nicht alle indigenen Frauen haben das Wissen über lokale Heilpflanzen; es kommt darauf an, mit wem und wo sie aufgewachsen sind.

Die Mby'a-Guaraní-Kräuterfrau Elsa und ihre Tochter Jorgelina haben das Glück, in einer abgelegenen Bergregion zu leben, in der es noch unberührten Wald gibt. Das staatlich anerkannte indigene Dorf Tamandua liegt fernab von größeren Städten der Weißen. Hier konnten sie ihre Identität weitgehend bewahren. Im nahegelegenen Wald findet Elsa innerhalb weniger Stunden über ein Dutzend wichtige Heilpflanzen, deren Vielfalt und Anwendungsmöglichkeiten enorm sind. Allerdings ist es für nicht-indigene argentinische Patienten schwierig, zu ihr zu gelangen, da es keine richtigen Zufahrtsstraßen gibt.

Eigene Verkaufskanäle?

Jetzt, da die indigene Medizin staatlich anerkannt ist, wäre es Jorgelinas Wunsch, eigene Verkaufsläden für Heilkräuter in indigenen Gemeinden einzurichten, so wie sie bereits in vielen Bundesstaaten Brasiliens seit langem vorhanden sind.

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Der Kräutergarten ist für die Kundschaft zu abgelegen. Um Einnahmen zu erzielen, haben sie daher schon vor Jahrzehnten einen professionell ausgestatteten Laden in der Großstadt Macapá eröffnet. Dank der Hilfe von NGOs hat dieser Laden sogar die Zeit der rechten, indigenen-feindlichen Bolsonaro-Regierung überstanden.

Seit bereits 30 Jahren betreibt zum Beispiel eine staatliche indigene Sekundarschule auf einer Insel im Amazonas-Mündungsgebiet einen Kräutergarten mit Heilpflanzen.

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In ganz Brasilien existieren an Universitäten Programme, die es ermöglichen, gemeinsam mit lokalen Guaraní-Gruppen deren Heilpflanzen zu katalogisieren. Dadurch werden nicht nur ihre Urheberrechte geschützt, sondern es entstehen auch neue Verdienstmöglichkeiten für ihre Gemeinden durch die Nutzung der Pflanzen in der Fitotherapie. Zudem erforschen diese Partnerschaften auch pharmakologische Anwendungsmöglichkeiten.

2014

In der argentinischen Provinz Misiones, einem kleinen und abgelegenen Bundesstaat mit begrenzten finanziellen Mitteln und ständigen wirtschaftlichen Krisen, gibt es nichts Vergleichbares.

Indigene Kräuterfrauen wie Elsa sind dennoch erfreut darüber, dass ihre Heilmethoden endlich anerkannt werden. Wenn sie denn "zertifiziert" wäre!  

 

Denn nur so würde ihnen dies im Falle einer ungenügenden Wirkung ihrer indigenen Heilkräuter einen juristischen Schutz vor möglichen Anzeigen bieten. Denn oft greifen auch unheilbar Kranke als letzte Hoffnung darauf zurück.

Ausschnitt aus einem DOK über die Arbeit von Dra. Mariana:

Die Mby'a-Guaraní stecken in einer schwierigen Lage. Sie verwenden seit Jahrhunderten frisch gepflückte Kräuter in ihrer Heilkunde, die eng mit ihrer ganzheitlichen Lebensphilosophie, der Cosmovision, verbunden sind. Zusätzlich gehören oft auch andere heilende Rituale wie Zeremonien und Tänze zur Behandlung. Ist es überhaupt möglich, so etwas kommerziell zu nutzen?

Indigene Heilmethoden werden nicht nur mit Heilpflanzen angewendet.

Der Verkauf von originalen, getrockneten Heilpflanzen als Tee, Tinkturen oder Tropfen aus indigener Hand könnte ein Geschäftszweig sein. Allerdings ist der Absatzmarkt im In- und Ausland wahrscheinlich minimal und selbst wenn ihre Urheberrechte respektiert werden, würde es vermutlich nicht viel Geld einbringen und kaum die Herstellungs- und Vertriebskosten decken.

Hingegen hoffen die Guaraní-Kräuterfrauen, dass die staatliche Anerkennung ihnen dabei hilft, das Interesse der jüngeren Generation für ihr Wissen zu wecken. Im April hat Dra. Mariana auf Wunsch der lokalen Caciques in der Nähe ihres Wohnortes zusammen mit einem Schamanen einen Heilkräuterkurs für die indigene Mby'a-Guaraní-Jugend organisiert. Diese Jugendlichen haben täglich Kontakt zur "weißen Welt" und leben oft nicht mehr in unberührten Wäldern.

Diese Jugendlichen, die zwischen den beiden Welten leben, haben teilweise ihre indigene Identität und den "indigenen Boden" unter ihren Füßen verloren. Sie sind seit Jahrzehnten Selbstmord gefährdet.

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Dra. Mariana

Ärztin, 

​ist 5. Generation Argentinierin mit Schweizer Wurzeln, mittlerweile pensioniert. 

 

Sie war über 20 Jahre lang verantwortlich für die medizinische Versorgung der Mby'a-Guaraní-Gemeinschaften des Bundesstaat Misiones im Nordosten Argentiniens.

Befreundet seit Jahrzehnten mit der Mby'a-Guaraní- Jorgelina Duarte, hat sie gefördert.

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Zwischen zwei Welten lebende Jugendliche haben teilweise ihre indigene Identität und den "indigenen Boden" unter den Füßen verloren und sind selbstmordgefährdet.

Dra. Mariana hofft, dass die Jugendlichen den Wert ihres uralten Wissens erkennen und damit Geld verdienen möchten. Es gibt bereits erste Erfolge zu verzeichnen. Ein Cacique plant die Veröffentlichung eines Buches über Heilkräuter und in Zusammenarbeit mit einer lokalen Universität wird eine Datenbank erstellt, um das indigene Wissen zu sammeln und zu dokumentieren. Eine solche Datenbank könnte als Grundlage für zukünftige Lizenzen und Urheberrechtsansprüche der Indigenen dienen.

Dra. Mariana Kurse Heilkräuter
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​Ihre indigene Freundin Jorgelina hat sich politisch eigenständig entwickelt. Sie ist eine regionale Anführerin und repräsentiert die Mby'a-Guaraní in vier weiteren Nachbarländern.

Am Kurs nahmen auch einige interessierte weiße Jugendliche aus der Gegend teil. Das zeigt, dass das Thema Potenzial hat, Brücken zu bauen. Gemeinsam kam man zu dem Schluss, dass ein wichtiger Schritt das Anlegen von lokalen Kräutergärten wäre, um sowohl indigene als auch allgemeine Heilpflanzen anzubauen. Natürlich würde nicht alles gedeihen, da einige Heilpflanzen die Biodiversität des Waldes benötigen.

Dra. Mariana ist mittlerweile im Ruhestand. Sie stammt aus einer kämpferischen Generation argentinischer pro-indigener Aktivistinnen, die stark westlich orientiert sind. Über Jahrzehnte hinweg hat sie als Ärztin lokale Mby'a-Gemeinden betreut und viel europäisches Spendengeld für kleine Projekte aufgetrieben. Sie ist mit Jorgelina und vielen anderen Mby'a befreundet, wird aber manchmal auch von der jungen, politisch aktiven indigenen Generation kritisiert. Ihre gut gemeinten Aktionen werden dort oft als zu kolonialistisch und interkulturell betrachtet. Dra. Mariana weiß das und akzeptiert es.
 

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Jorgelina ist viel in der Region und auch in der "weißen europäischen Welt" unterwegs. Sie weiß, dass einige lokale Indigene davon träumen, mit Heilpflanzen wie die Weißen viel Geld zu verdienen. Allerdings fehlt es ihnen im Gegensatz zu westlichen Unternehmern und Konzernen an Wissen darüber, wie sie dies angehen könnten.

Jorgelina fürchtet vor allem die Biopiraterie, und diese Furcht ist durchaus berechtigt. Es gibt weltweit unzählige Beispiele für die illegale Aneignung indigenen Wissens, einige davon liegen schon lange zurück. Seit 2010 existiert eine internationale Biodiversitätskonvention, der Länder der Guaraní-Nationen wie Argentinien, Paraguay, Uruguay und Brasilien beigetreten sind. Das sogenannte Nagoya-Protokoll soll indigenes Wissen unter urheberrechtlichen Schutz stellen. Leider wird das Protokoll an vielen Orten nur als Feigenblatt verwendet und nicht in die lokale Gesetzgebung integriert. Die Biopiraterie grassiert weiterhin weltweit.

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Das Nagoya-Protokoll schafft einen internationalen Rechtsrahmen für nationale Regelungen in Bezug auf den Zugang zu genetischen Ressourcen, die Aufteilung der daraus resultierenden Vorteile und die Überwachung der Einhaltung dieser Regelungen.

Nahrungsergänzungsmittel-Industrie und Biopiraterie: 

Das Beispiel der Stevia

Das Einfallstor für Biopiraterie ist die unterschiedliche Definition von "Wissen". In Paraguay, wo zum Beispiel das Süß- und Heilkraut Stevia wächst, gewährt das Gesetz jedoch auch Schutz für Erfindungspatente von Forschern, die traditionelles Wissen wissenschaftlich und technisch weiterentwickeln. Dadurch wird ihnen das Recht auf persönliche Schöpfung mit Urheberrechten zugesprochen. Ein Beispiel dafür ist die eingehende Untersuchung der Pflanze "Stevia rebaudiana", die von Indigenen hauptsächlich als Süßkraut verwendet wird. Dabei wurden auch antioxidative, entzündungshemmende und blutdrucksenkende Wirkungen dokumentiert.

Vor einigen Jahren hat sich Jorgelina intensiv mit Biopiraterie anhand von Stevia beschäftigt. Die Guaraní versuchten damals, unterstützt von NGOs wie Public Eye aus der Schweiz, die Lebensmittelindustrie dazu zu zwingen, Kompensationen für die Aneignung ihrer Pflanze zu leisten. Stevia wird von der Industrie als Süßstoff in kalorienarmen Getränken verwendet.

Ausschnitt aus:

Das mit Stevia gesüßte Getränk Coca-Cola Life ist aufgrund schlechter Verkaufszahlen mittlerweile vom Markt verschwunden. Dennoch wird Stevia als Süßstoffersatz weiterhin weltweit gehandelt, ohne dass Indigene eine Urheberrechtsentschädigung erhalten.

Die ganze Geschichte:

Alle Originalbeiträge aus den Jahren 2017/18, in denen auch Co-Autorin Sandra Weiss sich ausführlich mit dem Fall Stevia vor Ort befasst hat.

Stevia heisst in Guaraní "Ka'He'e"

- das süsse Kraut.

Die Unterstützung aus dem Ausland ist inzwischen versiegt. Die Stevia-Reportage auf der Homepage der Schweizer NGO Public Eye, die damals das Aktionsprojekt zur Rettung des Urheberrechts von Stevia gestartet hatte, wurde zuletzt im Jahr 2018 aktualisiert.

In die Hände der Indigenen ist nie Geld geflossen, so wie man es ihnen damals in Aussicht gestellt hat. Nicht nur Jorgelina, auch Dra. Mariana fühlt sich daher heute von den NGOs düpiert. Sie sehen jedoch auch etwas Positives darin: Durch diese Aktionen rund um Stevia und südafrikanischen Rooibos-Tee hat die Problematik der Biopiraterie generell in Europa mehr Aufmerksamkeit erhalten. Gleichzeitig hat jedoch auch der Handel mit sogenannten Wunderpflanzen, Heilkräutern und Nahrungsergänzungsmitteln zugenommen.

Vor allem die Covid-19-Pandemie hat das Interesse an alternativer Medizin befeuert. Zum Beispiel nehmen 3 von 4 Deutschen Nahrungsergänzungsmittel ein. Das Handelsvolumen allein in Deutschland betrug im Jahr 2022 2,69 Milliarden Euro. Schätzungen zufolge wird die globale Marktgröße für Nahrungsergänzungsmittel bis zum Jahr 2028 auf 239,4 Milliarden US-Dollar steigen.

Was in den Regalen der Geschäfte liegt, ist jedoch oft fragwürdig und manchmal sogar gesundheitsgefährdend - wie Verbraucherschutz und Medien immer wieder warnen. Das Problem dabei ist, dass der Zusatz "natürlich", mit dem gerne geworben wird, ein ungeschützter Begriff ist. Weltweit müssen Nahrungsergänzungsmittel nicht auf Qualität und Inhaltsstoffe geprüft werden.

Oftmals werden Steviasüßmittel mit Chemieprodukten wie Vitaminen und Bindemitteln versetzt. Sie werden in einem komplizierten Verfahren mit synthetisch ausgewählten Pflanzenteilen in Steviolglykosid umgewandelt.

Patentierungsversuche von Heilpflanzen 

In den frühen 2000er Jahren herrschten in Bezug auf indigenes Wissen oft Wildwestmanieren vor. Der im Amazonas heimische Cupuaçu-Baum wurde gestohlen, anderswo angebaut und für Patente angemeldet.

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In der traditionellen Heilkunde wird Cupuaçu auch als Wundheilmittel eingesetzt. Die Pflanze ist auch für die Kosmetikindustrie interessant, da ihr Fett vor der Sonne schützt und gegen Hautalterung wirken soll. Eine englische Patentierung im Jahr 2000 wurde jedoch nach weltweiten Protesten zurückgezogen.

Cupuaçu hat einen angenehm fruchtig-säuerlichen Geschmack und gehört zur gleichen Familie wie Kakao. Im Jahr 2000 wurde es von einem japanischen Unternehmen als günstiges Schokoladen-Nebenprodukt einer Melasse namens "Cupulate" patentiert, die für die Schokoladeproduktion verwendet wird.

Ausschnitt aus:

Das Cupuaçu-Festival findet jährlich seit 1993 mitten im Dschungel im Bundesstaat Amazonas statt und liegt etwa 100 km von Manaus entfernt, entlang der einzigen Hauptstraße.

 

Im Jahr 2003 führte die Patentierung des Cupuaçu-Cupulates dazu, dass lokale Frauen in der Gemeinde "Presidente Figueiredo", die selbstgemachtes Schokoladen-Konfekt für das Cupuaçu-Festival herstellen, gezwungen waren, Patentgebühren an japanische Unternehmen zu zahlen.

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Vor der internationalen Verabschiedung des Biodiversitätsabkommens wurde die Patentierung indigener Pflanzen in jedem Land willkürlich gehandhabt und höchstens als "unmoralische" Handlung verurteilt.

Ausschnitt aus:

Im Jahr 2010, als das Nagoya-Protokoll von vielen Ländern unterzeichnet wurde, bezeichnete das EU-Parlament letztendlich die "Erfindung" des "Cupulate" als "unzureichend".

Zusammen mit den Cupuaçu-Cupulate-Süßigkeiten der lokalen Frauen sowie Festaktionen und Konzerten lockte das beliebteste Festival Amazoniens im Jahr 2022 über 200.000 Besucher an.

Durch diese Veranstaltung konnte die Gemeinde Presidente Figueiredo Einnahmen in Höhe von etwa zwei Millionen Euro erzielen - ein Wunder für eine kleine Stadt im Dschungel. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel von diesen Einnahmen die Frauen ohne die Gerichtsurteile aufgrund des Nagoya-Protokolls an die japanische Firma hätten zahlen müssen.

Patentierung von "Digitalen Sequenzen"(DSI)

und "synthetische Biologie"von Heilpflanzen 

Die Forschung und Industrie haben bereits einen futuristischen Schritt unternommen: die Ersetzung herkömmlicher Heilpflanzen durch "Digitale Sequenzen (DCI)" und "synthetische Biologie". Dies funktioniert folgendermaßen: Im Computerlabor werden biologische Systeme entworfen, deren Ausgangsstoffe natürliche Produkte sind, wie zum Beispiel in Jorgelinas indigener Gemeinschaft Tamandua. Das Wissen über die Wirkung der Bestandteile wird erfasst und gespeichert, anschließend werden die Sequenzinformationen der genetischen Ressourcen dieser Pflanzen analysiert. Ihre DNA, RNA und Proteine werden am Computer untersucht und dann synthetisch nachgebaut oder gegebenenfalls angepasst. Dadurch können die Wirkstoffe aus den Pflanzen teilweise genauer und kostengünstiger hergestellt werden. Dies wurde bereits teilweise bei Stevia, Vanille, Artemisia (Beifuß) und einigen anderen Heilpflanzen umgesetzt. Die Industrieländer möchten den Zugang von Politik und Wissenschaft zu DSI (Digital Sequence Information) fördern sowie den Informationsgehalt der genetischen Ressourcen in allen Datenbanken freigeben.

Betrogen werden nicht nur die Konsumenten, sondern indigene Gemeinschaften verlieren ihre Urheberrechte, da solche "künstlich" hergestellten Produkte nicht dem Nagoya-Protokoll unterliegen. Es gibt jedoch warnende Stimmen von NGOs und Forschern, die Regelungen zum Schutz der Heilpflanzen sowie zur Beteiligung und Kompensation der indigenen Gemeinschaften fordern.

© Quote Andreas Riekeberg: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika

"In den letzten 20 Jahren machten die Genomanalyse, die Synthese von DNA und die Proteinanalyse enorme Fortschritte. Immer mehr Folgen von Nukleinsäuren in der DNA von Pflanzen und deren Aminosäuren in Proteinen werden erfasst. Sie füllen große Datenspeicher –  DSI aus Datenbanken mit Open Access- und eröffnen ein neues Konfliktfeld in Sachen Biopiraterie" 

Das gilt auch für die Krebsforschung im Zeitalter der "Targeted Cancer Therapy" - gezielten Krebstherapie mit designten Antikörpern. Dabei wird zunächst der genaue Status der Krebszelle bei jedem einzelnen Patienten festgestellt und anschließend werden mithilfe synthetischer Biologieansätze, einschließlich Komponenten indigener Heilpflanzen, gezielte Behandlungen mit speziell für jeden einzelnen Krebskranken entwickelten Medikamenten erstellt.

(Nachzulesen im Internet in allen Forschungs- und staatlichen Anstalten)

Ausschnitt aus:

Die Suche nach solchen Medikamenten hat sich seit den frühen 2000er Jahren stark verändert. Damals war es üblich, Wirkstoffe direkt aus in der Natur gesammelten Originalpflanzen zu erforschen. Diese wurden nach alter "Mütter-Sitte" einzeln getrocknet und im Labor wurden dann die vielversprechendsten Substanzen ausgewählt, die dann semi-synthetisch weiterentwickelt wurden.

In Jorgelinas Wald gibt es einen Baum, dessen Rinde sie für Krebsbehandlungen einsetzen. Sein Name ist vorläufig nur in Guarani bekannt und wurde noch nicht offiziell veröffentlicht oder urheberrechtlich registriert. Es wird wahrscheinlich nicht lange dauern, bis jemand den Baum findet und seinen lateinischen Namen publiziert. Solange es jedoch kein anerkanntes und rechtlich bindendes Register der indigenen Guarani-Heilpflanzen in Jorgelinas Wald gibt, könnte dies Missbrauch und Biopiraterie Tür und Tor öffnen.

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Natürlich wird es immer Krebspatienten geben, die eine Behandlung mit der originalen Naturheilpflanze wünschen. Allerdings würde die Menge dieser Pflanzen wahrscheinlich nicht für viele Patienten ausreichen. Zudem ist es auch nicht für alle möglich, in den Amazonas zu reisen und einen Schamanen aufzusuchen oder Jorgelinas Mutter Elsa zu besuchen, um an frische Pflanzen zu gelangen - obwohl dies derzeit fast die einzige Möglichkeit ist, wie indigene Kräuterfrauen Geld verdienen können.

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Sollte jemals eine Lösung für das "benefit sharing" ihrer Heilpflanzen gefunden werden, könnten Jorgelina und ihre Mutter Elsa ihren Anteil einfordern, da ihre Mby'a-Guaraní-Gemeinde Tamandua einen offiziellen argentinischen Status hat.

2023

Dutzende indigener Gemeinschaften sind jedoch noch nicht anerkannt, daher können Mby'a-Guaraní-Kräuterfrauen dort auch keine Entschädigung erhalten. Seit Jahren beantragen sie ein argentinisches Gesetz, um politisch anerkannt zu werden. Ohne offizielle Anerkennung können sie auch kein Entgelt für die Urheberrechte ihrer indigenen Heilpflanzen erwarten.

2024: Biopiraterie

2024

Biopiraterie-Vertrag - ein historischer Durchbruch?

Nach jahrzehntelangen Verhandlungen einigten sich im Mai 2024 in Genf 190 Staaten auf einen neuen internationalen Biopiraterie-Vertrag, der Indigenen zu mehr Rechten verhelfen soll. Darin wird festgehalten, dass natürliche genetische Ressourcen in Heilpflanzen und Nutztieren nicht patentiert werden können. Möglich ist aber, genetisch modifizierte Sequenzen aus diesen Naturprodukten zu patentieren.

 

Für die Wissenschaft ist die Natur eine der wichtigsten Quellen für Heilmittel. „Etwa 70 Prozent der Krebsmittel werden aus natürlichen Produkten oder synthetischen Verbindungen nach dem Vorbild der Natur gewonnen“, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

 

Der wichtigste Punkt des Vertrags betrifft die Transparenz: Wer künftig Patente anmeldet, muss offenlegen, woher die genetischen Ressourcen stammen und welches traditionelle Wissen darin einfloss. Die betroffenen Länder und Indigenen können so überprüfen, ob sie dafür entsprechend entschädigt werden.

 

Umstritten sind allerdings noch, welche Sanktionen es bei Nichteinhaltung gibt. Die afrikanischen Länder forderten drastische Strafen bis hin zum Patententzug, konnten sich aber gegen die Industrieländer nicht durchsetzen.

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