Jorge Cayas:

Hauptmann

Von der grünen Mauer springt der Putz in dicken Fladen ab. Schwarze Schimmelpilze haben sich breit gemacht, und kurz dahinter geht der Asphalt in eine Schotterpiste über. Das Hauptquartier der Anti-Drogen-Polizei von Pichari ist in die Jahre gekommen und inzwischen zu klein für die 2000 Polizisten, auf die das Kontingent für den Krieg gegen die Rauschgiftmafia aufgestockt wurde.

Bis zu 8000 Dollar zahlen die Kartelle den Gemeinden, die eine Landepiste in Schuss halten.

Eine neue Kaserne außerhalb des Ortes ist in Bau, aber Hauptmann Jorge Cayas fühlt sich hier wohl. Im neuen Quartier sollen Polizei und Militär gemeinsam den Anti-Drogen-Krieg koordinieren. Doch die Rivalitäten zwischen den beiden Einheiten lassen sich kaum leugnen.

Während das Militär noch immer die versprengten Überreste des Leuchtenden Pfades bekriegt als so genannten „Kampf gegen den Terrorismus“, hat Cayas hinter seinem abgewetzten Holzschreibtisch längst einen anderen Feind ausgemacht: „Die Terroristen sind doch alle auch im Geschäft und kassieren Wegzoll oder verdingen sich als Schutztruppe der Drogenmafia. Hier sind alle Drogenhändler, jeder Bauer ist ein Drogen-Unternehmer, die ganze Bevölkerung schützt die Mafia, und ganze Dörfer sind damit beauftragt, geheime Landepisten in Schuss zu halten. Wenn wir kommen und die Piste bombardieren, reparieren sie sie am nächsten Tag wieder“, redet sich der gesprächige Hauptmann seinen Frust von der Seele. Sein Vorgesetzter ist gerade wieder einmal in Lima, während Cayas die Stellung im Dschungel hält. Es ist nicht gerade ein prestigeträchtiger Posten. 

 

Bis zu 8000 Dollar zahlen die Kartelle den Gemeinden, die eine Landepiste in Schuss halten – das ist fast Cayas Jahresgehalt. Dafür lassen sie sich einiges einfallen, beispielsweise die Landebahn mit Palmen in rollenden Blumentöpfen zu tarnen. Und sollten die Pisten trotzdem zerstört werden, gibt es hunderte von Schmuggelpfaden aus dem Tal heraus in die umliegenden Ortschaften. Dafür wirbt die Mafia junge Männer und Jugendliche an. Sogar Studenten verdienen sich als „mochilero“ in den Ferien etwas dazu. Im Schnitt zehn Kilogramm schleppt ein „mochilero“ in seinem Rucksack auf einem nächtlichen Marsch und bekommt dafür umgerechnet bis zu 300 Euro – genügend Geld für ein Smartphone mit Edel-Kopfhörern oder ein paar Markenturnschuhe. Luxus-Konsumgüter sind bei der Landjugend begehrt und normalerweise unerschwinglich. In Pichari gibt es dutzende Läden mit Markenklamotten und Handys. Das neureiche Statusdenken ist für Cayas ein untrügliches Zeichen einer  „Drogenkultur“.

Sogar Studenten verdienen sich als „mochilero“ in den Ferien etwas dazu.

„Neulich wollten wir Labors ausheben, und die Kokabauern haben einfach die Straße blockiert, mit Macheten und Steinen. Die Kinder waren an vorderster Front. Weil wir ja auf die Menschenrechte achten müssen, konnten wir die Straße nicht schnell genug räumen“, seufzt Cayas. Drei Tonnen Kokapaste hat die Polizei 2013 sichergestellt – von 180 Tonnen, die das Tal jährlich produziert. Ein Tropfen auf den heissen Stein, wie der schnittige Polizeioffizier einräumt. Ginge es nach ihm, würde er den Drogenclans mit geballter moderner Technologie zu Leibe rücken: Scanner, Dronen, Telefonmitschnitte, Infiltration von Agenten, Abschuss verdächtiger Kleinflugzeuge. „Aber die Kosten dafür, vor allem die politischen, will da oben niemand übernehmen“, klagt er und blickt zur Decke. „Mir sind die Hände gebunden.“

Ginge es nach Cayas, würde er den Drogenclans mit geballter moderner Technologie zu Leibe rücken: Scanner, Dronen, Telefonmitschnitte, Infiltration von Agenten, Abschuss verdächtiger Kleinflugzeuge.