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Streit in Nordargentinien konfrontiert US-Magnaten 

von Sandra Weiss

 

 

 

Schöner könnte auch eine Statue nicht gemeisselt sein. Der Kaiman sitzt regungslos am Ufer, den Rachen weit aufgesperrt, und lässt sich ablichten. Nur zwei Armlängen sind seine spitzen Zähne entfernt. Scheinbar ungerührt grasen eine kleines Stück hinter ihm drei drollige Wasserschweine. Lautlos gleitet das Boot mit den begeistert knipsenden Touristen an den Tieren vorbei und bahnt sich seinen Weg tiefer in die Idylle der Iberá-Sümpfe, dem zweitgrössten Feuchtgebiet Südamerikas. Rochen, Sumpfhirsche, hunderte von Vogelarten und Bilderbuch-Sonnenuntergänge  – der Naturpark im Norden Argentiniens ist eines der versteckten Paradiese des südamerikanischen Landes. Das war nicht immer so.

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Domingo Cabrera aus Colonia Pellegrini, der heute als Bootsführer arbeitet, erinnert sich noch gut daran, wie er als junger Mann hier Kühe hütete und in seiner Freizeit Biber, Kaimane und Wasserschweine jagte, um das Fell, die Haut und das Fleisch zu verkaufen.

„Die Regierung hat uns erklärt, dass wir nicht mehr jagen können, und hat uns Kurse über Umweltschutz und Ökotourismus gegeben“

 „Viel eingebracht hat das nicht, gerade genug, um meine 12 Kinder zu ernähren und einzukleiden“, erzählt der 65jährige, fast zahnlose Mann mit der wettergegerbten Haut. „Und von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger, Tiere zu finden. Manchmal waren wir zwei, drei Wochen auf Streifzug, um ein Dutzend Kaimane zu schnappen. Jaguare gab es damals schon nicht mehr, und viele meiner Kumpel gingen weg, in die Stadt, weil es kaum noch was zu holen gab.“

Mitte der 80er wurden die Sümpfe, deren Name aus der guaraní-Sprache kommt und übersetzt „Leuchtendes Wasser“ bedeutet, unter Naturschutz gestellt – und Cabreras Leben änderte sich schlagartig. „Die Regierung hat uns erklärt, dass wir nicht mehr jagen können, und hat uns Kurse über Umweltschutz und Ökotourismus gegeben“, erinnert er sich.

Für den einfachen Mann, der nur ein paar Jahre zur Schule gegangen war und jahrzehntelang als Tagelöhner ein hartes Dasein gefristet hatte, war das eine Herausforderung. Doch heute ist Cabrera froh, dass er sich darauf einliess: „Pellegrini war ein sterbender Ort, weil es kaum noch Tiere gab. Durch das Projekt kamen sie zurück und plötzlich habe ich die Tiere aus der Nähe gesehen, die sonst immer vor mir wegrannten. Das hat mir gut gefallen. Zum Jagen habe ich jetzt überhaupt keine Lust mehr, und die Flinte habe ich schon lange verkauft.“

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Der Job als Touristenführer brachte genug, um sein kleines Häuschen zu verschönern und eine Werkstatt zu eröffnen, in der einer seiner Söhne nun Kunsthandwerk zum Verkauf herstellt. Ein zweiter arbeitet als Touristenführer;  die übrigen leben ausserhalb. Nach Pellegrini kamen Strom- und Wasserleitungen, es entstanden kleine Hostals und Pensionen, Gemischtwarenläden, das eine oder andere Restaurant. Gut 30 junge Leute aus dem Dorf arbeiten inzwischen als Touristenführer. „Keiner von ihnen will mehr jagen. Wir leben jetzt alle vom Tourismus“, erzählt Cabrera stolz.

„Keiner von ihnen will mehr jagen. Wir leben jetzt alle vom Tourismus“, erzählt Cabrera stolz.

Doch über der Idylle schwebt ein Damoklesschwert, wie Leslie Cook, der Verwalter der Hacienda Rincón del Socorro erläutert. Der hochgewachsene, sportliche junge Mann stammt eigentlich aus der Hauptstadt Buenos Aires, lebt aber seit einigen Jahren als Verwalter mit seiner Familie auf der Hacienda am Rande des Schutzgebiets.

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Das 150.000 Hektar grosse, ökologische Luxusressort wurde von dem 2015 verstorbenen US-Unternehmer Douglas Tompkins geschaffen. In den 90er Jahren verkaufte er seine Marken wie Esprit und North Face, und widmete sich dem Umweltschutz. Besonders in Südamerika kaufte er riesige Ländereien und schuf private Schutzgebiete. Oft stiess er dabei auf den Widerstand der lokalen Bevölkerung und der heimischen Politiker, die in der Natur eine auzubeutende Ressource sehen. Doch in Iberá hat er noch einen ganz anderen Gegenspieler: den Finanzspekulanten George Soros.

Die Pestizide und Düngemittel der Reisfarm, fürchten Umweltschützer, würden über das weitverzweigte Wasser.

Soros besitzt dort die 14.000 Hektar grosse, sehr rentable Reisfarm Doña Marina und hat die Erlaubnis, für deren Bewässerung den Paraná-Fluss anzuzapfen.  Doch Soros hat noch viel grössere Pläne. 2009 verkündete er zusammen mit einheimischen Unternehmern die Einrichtung einer weiteren, 18.000 Hektar grossen Farm in der Nähe des Naturparks. Dort wollte Soros‘ Adecoagro zusammen mit der argentinischen Firma Copra S.A. im Besitz der einflussreichen Clarín-Gruppe ebenfalls Reis anbauen. Die Investoren stellten 1400 Arbeitsplätze in Aussicht – und der Gouverneur der armen Region war begeistert. Teil der 55 Millionen Dollar teuren Investition war ein Staudamm am Ayui-Fluss. Dafür sollte ein Wald überschwemmt werden.

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Die Pestizide und Düngemittel der Reisfarm, fürchten Umweltschützer, würden über das weitverzweigte Wassersystem im Schutzgebiet enden, während der Frischwasserzufluss in Gefahr wäre. „Schon die bestehenden zehn kleinen Reisfarmen in der Pufferzone graben uns das Wasser ab, obwohl das eigentlich verboten ist“, echauffiert sich Cook. Die Chemikalien belasten das Wasser und zerstören das ökologische Gleichgewicht. Am Rande des Feuchtgebiets ist zu sehen, was Reisanbau nach fünf, sechs Jahren hinterlässt: Eine trostlose Einöde.

Und die Umweltschützer hoffen, dass die Regionalregierung nun endlich Klartext spricht und den Raumnutzungsplan erstellt, zu dem sie vor Jahren schon verurteilt wurde.

Die Stiftung von Tompkins, Conservation Land Trust, zog nicht nur gegen die aktuellen Reisfarmer, sondern auch gegen Soros Grossprojekt vor Gericht. Und machte sich Feinde. Sie bezeichneten ihn als Landspekulanten und Kolonialherren mit finsteren Absichten.  Sein Projekt habe ihr Land entwertet, kritisierten sie. Ein Tauziehen begann: örtliche Politiker erteilten Sondergenehmigungen, die Gerichte wieder aufhoben. Dann zog sich Soros 2011 aus dem Konsortium zurück – angeblich weil die linksnationalistische, argentinische Regierung ihm gedroht hatte, ihm sonst keine Exportlizenzen für seine übrigen Agrargüter mehr zu erteilen. Doch das Ende der Regierung ist in Sicht; bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober kann Präsidentin Cristina Kirchner nicht erneut antreten. Die Investoren schnuppern wieder Morgenluft. Und die Umweltschützer hoffen, dass die Regionalregierung nun endlich Klartext spricht und den Raumnutzungsplan erstellt, zu dem sie vor Jahren schon verurteilt wurde.