Lehren aus dem 
                       Urwald

Das Indigenadorf Sarayaku in Ecuador versucht den Spagat zwischen Tradition und Moderne

von Sandra Weiss

aus

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Fünf Stunden tuckert das Boot mit dem Aussenbordmotor die unendlichen Windungen des Bobonazo-Flusses im Amazonasgebiet Ecuadors entlang. Fünf Stunden von Canelos nach Sarayaku, eine Strecke, die Luftlinie keine 50 Kilometer Entfernung überwindet. Fünf Stunden auf einem schmalen Brett sitzend, der knallenden Sonne ebenso ausgeliefert wie dem überfallartigen Platzregen, der typisch ist für die Region. „Fünf Stunden sind ein guter Schnitt“, grinst Bootsführer Humberto Huilo. „Bei Niedrigwasser können es auch mal sieben werden.“ Es ist, wie so vieles in Sarayaku, eine kleine Lektion: Eine über die Zeitläufte am Amazonas, wo die Natur den Rhythmus bestimmt, nicht die Uhren.

"Sie lernen Mathematik ebenso wie unsere alten Mythen.“

Stoisch lenkt der 31jährige das Boot durch die Stromschnellen, vorbei an riesigen Ceiba-Bäumen, weissen Sandbuchten mit bunten Schmetterlingschwärmen und scharfkantigen Felsen. Schnell werden die Spuren der Zivilisation weniger: eine Schotterpiste verliert sich am Horizont, kurzzeitig blitzen Rohre einer Erdölpipeline auf und verlieren sich wieder, irgendwann passiert das Boot eine überdimensionale Anlegestelle aus Beton, die sich gefährlich schräg ins Wasser neigt. Ein Geschenk der Regierung, die den Indigenen die Errungenschaften der Zivilisation nahebringen wollte. Eines der vielen, wilden Hochwasser hat den Steg unterspült und die Pfeiler weggerrissen. „Der ist unbrauchbar“, kommentiert der Bootsmann trocken. In seinem Heimatdorf Sarayaku legt man daher an wie eh und je- am schlammigen Ufer, von dem aus vier Dutzend Stufen auf den höher gelegenen Dorfplatz führen.

Dort wartet dann eine Überraschung: Die Häuser der 1400 Einwohner sind zwar traditionell aus Holz gebaut und mit Palmwedeln gedeckt, doch sie haben dank Solarpaneln Strom. Gekocht wird auf offenem Holzfeuer, aber es gibt ein Internetcafé, das per Satellit funktioniert- wenn nicht gerade ein Gewitter niedergeht. Und in der grossen Versammlungshütte wartet ein buntes Begrüssungskomitee: Streng dreinblickende ältere Männer und Frauen mit dem traditionellen hölzernen Herrscherstab, viele mit der traditionellen, schwarzen Gesichtsbemalung. Flankiert werden sie von jungen Männern und Frauen an Laptops, mit Spiegelreflexkameras und Smartphones in den Händen. Ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, blättert versunken in einem spanischen Märchenbuch.

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Was anmutet wie ein buntes kulturelles Potpourri, gehorcht strengen Regeln.

was anmutet wie ein buntes kulturelles Potpourri, gehorcht strengen Regeln: „Unsere Jugend bekommt Unterricht auf spanisch und kichwa“, erläutert Patricia Gualinga. Sie ist so etwas wie die internationale Botschafterin Sarayakus. „Sie lernen Mathematik ebenso wie unsere alten Mythen.“ Dank Partnerschaften mit der Kirche und ausländischen Hilfsorganisationen gibt es Foto- und Computerkurse oder auch Kampfsport. Doch die Unterweisung in der Jagd mit dem Blasrohr, in der Fischerei mit Lianengift, in traditioneller Körpermalerei oder Töpferkunst, mit der sich viele Frauen ein Zubrot verdienen, kommt deshalb nicht zu kurz. Eine Fluglinie und eine Gemeinschaftsbank gibt es im Dorf. Strassen, Alkohol und Erdölkonzerne hingegen sind tabu. „Uns geht es darum, den Fortschritt zu dosieren und zu kontrollieren, wer in unser Gebiet kommt, denn wir wollen selber entscheiden, was für uns wichtig ist und was nicht“, resümiert Gualinga.

Strassen, Alkohol und Erdölkonzerne sind tabu. 

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"Sumak kawsay“, die Philosophie vom Guten Leben, ist in Sarayaku oberstes Gesetz. Was genau darunter zu verstehen ist, darüber diskutieren westliche Philosophen und Ökonomen endlos – doch für die Bewohner von Sarayaku ist dies klar: „Ein selbstbestimmtes Leben in Harmonie mit der Natur und der Menschen untereinander“, resümiert Gualinga. Und das bedeutet manchmal auch Verzicht. Mit Lianengift gefischt werden darf nur alle sechs Monate, damit der Fischbestand nicht gefährdet ist. Die grosse kollektive Jagd, die früher halbjährlich stattfand, steht nun nur noch alle zwei Jahre auf dem Programm, weil die Zahl der Wildtiere stark abnahm. Stattdessen gibt es jetzt von der örtlichen Bank Geld für Fischteiche.

„Wir sind ein Volk des Widerstands, Erben grosser Krieger“,

erzählt Patricias Onkel José Gualinga (54) stolz. Der Kampfgeist wurde vor 20 Jahren auf eine harte Probe gestellt, als aus dem Nichts ein Hubschrauber auf dem Dorfplatz landete, dem weisse Männer entstiegen und der Dorfgemeinschaft eröffneten, auf ihrem Stammesgebiet werde jetzt nach Erdöl gebohrt, weil die Bodenschätze der Nation gehörten und nicht ihnen. José, damals Curaca (Anführer) hatte diesen Tag gefürchtet. Er wusste von anderen Völkern um die Macht des schwarzen Goldes. Deshalb hatte er sein Volk vorbereitet. Gemeinsam hatten sie sich schon lange vor diesem Schicksalstag gegen die Erdölförderung entschlossen.

„Die Pumpen erschrecken die Tiere, die Gase verschmutzen die Luft, die Rückhaltebecken mit dem Bohrschlamm vergiften unser Wasser, die Strassen zerstören unsere Kultur und korrumpieren unsere Jugend“, sagt Patricia. „Der Erdölwohlstand ist nur vorübergehend. Wir aber leben vom Regenwald, der durch die Ölförderung zerstört wird. Öl können wir unseren Kindern nicht zum Essen geben.“ Doch mit Argumenten, Bogen und Lanze war diesen übermächtigen Feinden nicht beizukommen. Das begriffen die Einwohner von Sarayaku schnell. Dass die Indigenas ihre Missbilligung deutlich machten, dass sie Landtitel hatten und ein Recht darauf, vor solchen einschneidenden Massnahmen konsultiert zu werden, all das wog wenig gegen die kombinierte Macht von Staat und Geld. Der Konzern bot dem Stamm 10.000 US-Dollar, dann immer mehr, und mit jedem „nein“ wurde der Druck grösser.

Der Konzern bot dem Stamm 10.000 US-Dollar, dann immer mehr, und mit jedem „nein“ wurde der Druck grösser.

Den Befreiungsschlag brachte schliesslich ein Amateurvideo über den Einfall der Konzerne, gefilmt von Patricias Bruder Eriberto, das von Sympathisanten in die sozialen Netzwerke gestellt wurde und eine Welle internationaler Solidarität auslöste. Dutzende ausländischer Besucher kamen in den kommenden Jahren nach Sarayaku. „Da verstanden wir die Macht der Kommunikation“, sagt Gualinga.

Immer wieder marschierten die Indigenas in die Hauptstadt Quito, um zu protestieren. 2012 entschied der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof zu ihren Gunsten und verurteilte den ecuadorianschen Staat wegen Missachtung der Rechte traditioneller Völker zu einer Entschädigungszahlung von 1,2 Millionen US-Dollar. Davon wurden die örtliche Bank, Stipendien für Jugendliche und die Fluglinie „Aerosarayaku“ finanziert. „Die Fluglinie ist wichtig, weil wir mit der Aussenwelt Kontakt haben wollen, wenn zum Beispiel jemand von einer Schlange gebissen wird, kann er so schnell ausgeflogen werden“, erzählt Samai Gualinga. “Eine Bank brauchen wir, um Projekte zu finanzieren, Fischzucht oder kommunitären Tourismus“, fährt sie fort. Und für das Stipendium ist sie selbst ein gutes Beispiel. Die 29jährige konnte so in Quito Design studieren und entwirft nun die bunten Logos der Kampagnen. Viele junge Leute sind gut ausgebildet und wollen dies in den Dienste ihres Volkes stellen. Rony (23) zum Beispiel hat Tourismus studiert und plant Vogelbeobachtung in Sarayaku.

Ein Rundhaus für Touristen ist gerade im Bau.

Weitsicht, Hartnäckigkeit und Zusammenhalt unterscheiden Sarayaku von anderen Indigenagemeinden. Grundlage ist eine ausgeklügelte, politische Organisation. Die Ämter rotieren, so dass kein Clan zu kurz kommt. Alle Entscheidungen werden in stundenlangen Versammlungen so lange diskutiert, bis ein Konsens gefunden ist. Gemeinschaftsleben, Gemeinschaftsarbeit und gemeinsame Feste werden gross geschrieben. Kontrovers wird diskutiert und anschliessend abgestimmt.

So haben die Indigenas beschlossen, keine evangelikalen Freikirchen ins Dorf zu lassen, und keine politische Propaganda zuzulassen. Denn beides spaltet und trägt Konflikte ins Dorf, befanden sie auf einer Versammlung. Auch der Vorschlag von José Gualinga, CO2-Zertifikate auszugeben und damit neue Projekte zu finanzieren, scheiterte. Gualinga bedauert das. „Es ist eine komplexe Materie, und die meisten haben nicht wirklich verstanden, worum es geht“, seufzt der 54jährige. Stattdessen sucht er jetzt Alternativen. Private Förderer zum Beispiel.

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An der Front von Sarayaku sind bisher die Spaltungsversuche des Staates und der Konzerne zerschellt. Stattdessen gelang es den Kichwa sogar, die Idee vom Guten Leben in der neuen ecuadorianischen Verfassung von 2008 zu verankern. Das Dorf ist zum Modell geworden; viele Delegationen aus anderen Indigenagemeinden haben Sarayaku schon besucht und sich Anregungen geholt. Gefördert wird dieser Austausch sowie der Aufbau von Menschenrechtsschulen in der ganzen Amazonasregion von der Katholischen Kirche. Dabei sollen die Indigenen nach dem Vorbild von Sarayaku befähigt werden, die Menschenrechtsverletzungen gegen ihre Völker aufzudecken, zu dokumentieren und vor internationale Menschenrechtsgremien zu bringen.  

Weitsicht, Hartnäckigkeit und Zusammenhalt unterscheiden Sarayaku von anderen Indigenagemeinden.

Im Vorfeld der Amazonassynode im Herbst 2019 sind die Amazonasvölker ins Zentrum des kirchlichen Interesses gerückt. Vor zwei Jahren trafen sich Patricia Gualinga und der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, Präsident des Panamazonischen Netzwerkes (Repam). „Die Art und Weise, wie die Welt uns Indigene sieht, verändert sich“, sagte sie anschliessend zufrieden. „Wir sind nicht mehr die Wilden, die evangelisiert, gekleidet und ausgebildet werden müssen.“ Stattdessen ist die Welt bereit, die Weisheit der indigenen Völker anzuhören. Papst Franziskus hat ihnen in der Umwelt-Enzyklika „Laudato si“die Türen geöffnet um ihrer Spiritualität, ihrer Sorge für „das gemeinsame Haus“  eine Plattform zu geben.

Gualinga will dies nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sarayaku hat bereits ein neues Konzept in petto: Kawsak Sacha. 

Der noch unberührte Primärwald, in dem den Mythen zufolge nicht nur viele Wildtiere sondern auch die Geister der Natur und der Vorfahren leben, soll nun einen Rechtsstatus bekommen, der ihn „für ewig unantastabar“ macht.

Papst Franziskus hat ihnen in der Umwelt-Enzyklika „Laudato si“die Türen geöffnet um ihrer Spiritualität, ihrer Sorge für „das gemeinsame Haus“  eine Plattform zu geben.