Mangroven ersticken im   

                Plastikmüll 

Frauen organisieren

                          Sammelaktionen und Entsorgung

von Charlotte Eichhorn  aus 

Die "Quilombola"-Frauen sind Nachfahrinnen ehemaliger Sklaven aus Afrika, wohnen im Land- und Meeresschutzgebiet in der Gemeinde Campinhos im brasilianischen Staate Bahia.

Sie üben den Beruf einer „Marisqueira" (Fischerin) aus. Sie sind meist Haupternährerinnen ihrer Familie, fangen verschiedene Krustentiere, Naturaustern und Garnelen, die sie in der Stadt verkaufen. Auf gesunde Mangrovenwälder angewiesen, sind sie überzeugte Naturschützerinnen.

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Heutzutage sammeln sie in den Mangrovenwäldern des Mündungsgebietes vom Rio Pardo aber nicht nur  Meeresfrüchte, sondern auch angeschwemmten Plastikmüll! 

Mangroven von Plastikmüll zu säubern ist eine mühselige, körperlich anstrengende Arbeit. Die meisten Frauen tragen Gummistiefel wenn sie stundenlang in den Mangroven herum waten, damit sich ihre Füsse im engen Wurzelnetz nicht verletzen. Denn die Wurzeln sind teilweise mit scharfkantigen Naturaustern übersät sind.

Leider hat die Abfalltrennung im Hinterland von Brasilien noch nicht in allen Haushalten Einzug gehalten. Zu Beginn des Jahres 2022 wurde der Rio Pardo grossflächig überschwemmt und tonnenweise Plastik und anderer Müll floss unkontrolliert in die Mangroven. Dazu kommt, dass bei Flut auch vom Meer her internationaler Plastikmüll in die Mangroven gespült wird. Manchmal auch Pet-Flaschen aus Asien und Europa.

Auf die Frage, wie lange es dauert bis ein 35 Ltr Abfallsack mit Plastik aus den Mangroven gefüllt ist, kam von den Frauen unisono die Antwort;

10 Sekunden.... - vielleicht leicht übertrieben, aber nicht allzu viel -....

Mangroven sind die

                    grössten CO2 Speicher Brasiliens

Die Mangrovenwälder entlang der brasilianischen Küste speichern mehr als vier Mal soviel Kohlenstoff wie der Amazonas-Regenwald. Mangroven sind eine der vielfältigsten Ökosysteme. Vor allem sind sie die Laichgebiete für Süss- und Salzwasserfische, Krebse und Austern.

 

Auch wenn Mangrovenwurzeln tief in Schlick und Wasser stehen, schaffen sie es sich mit Sauerstoff zu versorgen. Sie tolerieren einen normalen durch Ebbe und Flut hervorgerufenen Salz-Süsswasser Wechsel, Überschwemmungen hingegen können die Balance gewaltig durcheinanderbringen.

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Obwohl abertausende von Fischer*innen mit ihren Familien in und um Mangrovenwäldern leben, ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Meeresfrüchte verdienen, gehören Mangroven mit wenigen Ausnahmen nicht zu den gesetzlich verankerten Schutzgebieten. Dies, obwohl Brasilien das Pariser- Abkommen mitunterschrieben hat. Dessen Dekret gibt vor, dass Mangroven weltweit als vorrangig zu erhaltende Gebiete gelten.

Trotz dem umweltfeindlichen Image, das Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro international hat, gibt es auf lokaler Ebene sehr aktive, gut organisierte und vernetzte Bürgerinitiativen- und Organisationen. Sie kümmern sich auch um die Mangroven. Wie diese Frauengruppe, agieren sie meist im lokalen Bereich.

Nach der Sammlung -

                        die Entsorgung:

Lilian Soares

"Marisqueira" (Fischerin),

 

 

ist Initiantin des Plastikmüll-Projektes in den lokalen Mangrovenwäldern. Sie ist im Vorstand der RESEX-Fischerei-Kooperative AMEX, der Frauengemeinschaft und der Marisqueiras in ihrer Quilombo-Gemeinschaft "Campinhos".

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Geisa

dos Santos Oliveira

Klein-Unternehmerin,

 

übernimmt den Plastikabfall den Lilian liefert, sammelt ihn auch in der Stadt Canavieiras, lagert und sortiert ihn, versucht ihn zu verkaufen, wird aber durch die vielen Zwischenhändler  behindert, Das verteuert das Recycling nicht nur, es bringt auch den sog. "Mülltourismis" ins Spiel, bei dem Müll im ganzen Land herumkutschiert wird, bevor er in der Recycling-Fabrik landet.

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Juliana Fullmann- Ishibachi 

Umwelt-Beraterin,

 

arbeitet mit „Ecosurf"- Brasilien" zusammen, einer NGO die von Surfern gegründet wurde, und die Strände von Müll und Plastik in freiwilliger Arbeit befreit.

 

Juliana ist eine Mediatorin zwischen Sammlern und der brasilianischenPlastik-

verarbeitungs-Industrie.

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Sammeln ist das Eine, aber wie weiter? Wohin mit dem Plastikmüll?

Lilian organisierte zwei Sammelplätze am Rio Pardo in der Nähe ihrer Gemeinde. Sie liegen nur per Boot zugänglich, inmitten riesiger Mangrovenwäldern am Rio Pardo. In einem Umkreis von ca. 2 km in den Mangroven gesammelt, kommen pro Aktion locker 400 - 500 kg Abfall zusammen. Er wird dort in grossenTransportsäcken gelagert, bis diese voll sind. Sie hat sich mit der Kleinunternehmerin Geisa zusammengetan, die ihr den Müll abnimmt. Lilian hat sich verpflichtet, den Transport in kleinen Motor-Booten von den Lagerstellen aus in den Hafen der nächsten Stadt Canavieiras zu organisieren.

Sie will für die Sammelarbeit nicht bezahlt werden. Lilians Argument: Es kann unter Jugendlichen zu Streit führen, wenn man unter ihnen Geld verteilt. Ein Anreiz für sie ist ein gemeinsames Picknick und ein bedrucktes T-Shirt, mit einem Thema bezogenen Slogan, das sie dann Stolz zur Schau tragen. Dafür muss Lilian regelmässig Spenden eintreiben und freut sich über Unterstützung von Geisa.

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Lilian und ihre Frauengruppe wollen der Jugend ihres Reservates den Schutz der Mangroven wieder näherbringen und ihnen gleichzeitig in ihrer abgelegenen Gemeinschaft eine sinnvolle Freizeitaktivität bieten. Sie hofft dadurch die Abwanderung der Jugend Einhalt zu bieten, sie vermehrt in den Kampf um den Erhalt ihres Land- und Meeres-Reservates, - genannt RESEX - mit einzubinden. Lilian ist eine vehemente Verfechterin des Schutz-Reservates.

Das ist auch nötig, weil unter der jetzigen agrofreundlichen Regierung das RESEX - wie alle indigenen Territorien - auch in Gefahr gelegentlich aufgelöst oder zumindest nicht mehr unter staatlichem Schutz zu stehen.

Die Stadt Canavieiras, deren entlegeneren Strände an das RESEX grenzen, liegt am Ende einer zweispurigen Autostrasse. Bis heute ist es eine beschauliche Kleinstadt mit ca. 35.000 Einwohnern und einem relaxten, relativ sicheren Ambiente. Fischer und lokale Kleinunternehmer leben vom Tourismus. 

Lokale kleine Pensionen in bunt renovierten Altstadthäusern am Hafen des Rio Pardo stammen oft noch aus der Zeit des Kakao-Booms. Diese zu Beginn des 19. Jahrhundert gebauten, geschichtsträchtigen Häuser könnten direkt aus einem Roman des bahianischen Altmeisters Jorge Amado stammen.

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Deshalb wollen hier internationale Tourismus-Unternehmen Fuss fassen. Aber auch die Agrowirtschaft setzt das RESEX unter Druck und stiftet unter den Bewohnern Zwietracht. Die Unternehmer wollen die geschützten Mangroven abholzen, um noch mehr Shrimp-Farmen zu errichten oder um das gerodete Gebiet für Weideland zu erschliessen und auszutrocknen.

 Plastikmüll- Tourismus in Canavierias

Die Stadt Canaveiras engagiert sich nicht fürs Recycling oder ein besseres Müllmanagement und überlässt dies ganz den einzelnen Zwischenhändlern. So entsteht eine Art-"Plastik-Recycling-Tourismus", bei dem der Müll durch viele Hände kommt und im ganzen Land herumgekarrt wird, bevor er letztlich in einer Recycling-Anlage landet. 

Eigentlich plante Geisa mit Hilfe von Juliana, die Infrastruktur ihrer Plastiksammel- und Sortierstelle vor Ort zu verbessern, professioneller und lukrativer zu gestalten, damit Geisa weitere Sortier-Nachbarinnen anstellen kann.

Nur, unterdessen ist Geisa ziemlich krank geworden, sie muss ihre Pläne zur Verbesserung der Infrastruktur hinter ihre Gesundheit anstellen, plant aber trotzdem irgendwie weiterzumachen.

Juliana arbeitet mit der internationalen NGO „Ecosurf“ zusammen, deren Müll sie dann der Industrie weiterleitet. Ecosurf hat alleine in Brasilien 5 Mio. eingeschriebene Mitglieder. Surfer wissen, dass ein sauberes Meer, Strand und Dünen für ihren naturnahen Sport wichtig sind. Vor allem im Süden Brasiliens sammeln sie in ihrer Freizeit seit Jahrzehnten regelmässig Strandgut, organisieren Umweltkurse an Schulen und wollen nun weiter in den Nordosten expandieren, die Plastikmüllsuche in den Mangroven ausweiten.

Laut der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) werden weltweit nur 9% des Plastikabfalls recycelt. Auch fehlt international eine gut durchdachte Strategie, die alle Akteure - von NGOs bis zur Industrie und den Regierungen - an einen Tisch bringt. Ein weiteres Problem ist, dass Plastikmüll sehr stark variiert und es hunderte von verschiedenen Bestandteilen und Formeln gibt, die jeweils entscheidend sind, ob und wie sie wiederaufbereitet werden können.

Brasilien steht weltweit an vierter Stelle der Plastik-Recycling Industrie. Juliana hat eine Firma in São Paulo gefunden, die durch Anwendung spezieller Reinigungs-Prozesse 90 % des gesammelten Materials zu Plastik-Resin (Pellets) verarbeitet und z:B: im sog."Plastic-Moulding" (Kunstoff-Gussformen) -Verfahren, für Plastikplanen, wasserdichte Polyesterkleidung und vieles mehr eingesetzt werden kann.

Juliana versucht nun genügend lokalen Plastik-Müll aufzutreiben, um die Industrie auch dazu zu bringen, nicht nur den Müll zu entgelten, sondern sich auch an kleinen Sammelprojekten finanziell zu beteiligen.

 

Nicht so einfach, da es grosse Mengen und Bereitschaft braucht zu einem mittelfristigen Engagement der Industrie, die bislang einfach und bequem beim billigsten und schnellsten Anbieter einkauft.

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