Dem Plastik in der Karibik  
                   
auf der Spur

by Sandra Weiss

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aus

Eine Insel schlägt zurück

Nikita Johnson steht vor einem Berg von Müll und seufzt: Kaputte Badeschlappen, Plastiktüten, Milchkartons, Scherben von Rumflaschen und Textilfetzen bilden ein buntes Mosaik. Der Müllteppich bedeckt komplett den schmalen Sandstrand der Ortschaft Pensacola auf der honduranischen Karibikinsel Roatán. “Wir haben erst letztes Wochenende zusammen mit den Kindern aus dem Ort alles sauber gemacht”, sagt Johnson. Es ist eine Sysiphosarbeit. Gegen die Meeresströmungen ist kein Ankommen, weiss die junge Frau von der Umweltorganisation Bica.

Doch es ist nicht nur der sichtbare Müll, der ihr zu schaffen macht. Sondern auch das Mikroplastik, winzige Partikel, kleiner als fünf Millimeter Durchmesser, und das noch kleinere Nanoplastik. Immer häufiger sind die winzigen Partikel zu sehen bei Tauch- und Schnorcheltouren am mesoamerikanischen Korallenriff. Das zweitgrösste Riff der Erde nach dem in Australien zieht sich von Mexiko bis nach Kolumbien und ist eine wichtige Touristenattraktion für mehrere Staaten.

Immer häufiger sind die winzigen Partikel zu sehen bei Tauch- und Schnorcheltouren am mesoamerikanischen Korallenriff.

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Angeschlagenes Paradies

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Doch das Paradies ist angeschlagen: Korallen sterben und verblassen durch den Klimawandel. Und an manchen Tagen bahnt man sich bei Schnorcheltouren einen Weg durch einen surreal bunt schillernden Glitzer-Vorhang. Es wirkt, als sei man im Inneren einer Schneekugel. Doch das ist nicht romantisch, sondern dramatisch: Das Plastik landet im Magen von Fischen, Schildkröten und Meerestieren und gelangt so auch in die Nahrungskette des Menschen.

Zwischen 19 und 23 Millionen Tonnen Plastikmüll landen einer Studie der Zeitschrift Science zufolge jährlich im Meer. 

Bis zu 20  oder sogar 600 Jahre braucht Plastik, um sich zu zersetzen. Mikroplastik kann menschliche Zellen schädigen, hat eine 2021 im Journal of Hazardous Materials veröffentlichte, britische Metastudie herausgefunden

Die UNO hat deshalb vor einigen Tagen – wegen des Ukraine-Krieges weitgehend unbeachtet vom Rest der Welt - beschlossen, die Verhandlungen über ein globales Abkommen zur Bekämpfung von Plastikmüll aufzunehmen. Bis 2024 sollen verbindliche und umfassende Vorschriften zur Bekämpfung der “Plastik-Epidemie” vorliegen.

Dem Plastikmüll auf der Spur

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Für Umweltschutzorganisationen wie Bica ist das ein verspäteter Schritt auf dem richtigen Weg. Die karibischen Ökologen und Meeresforscher sind der internationalen Staatengemeinschaft weit voraus. Sie studieren seit über einem Jahrzehnt die Plastikverseuchung der Meere. In Honduras beispielsweise kamen sie vor zehn Jahren auf eine pfiffige Idee: Sie verfolgten den Weg des Mülls.

Der führte rasch nach Guatemala, in die Dörfer entlang des 486 Kilometer langen Flusses Motagua. Dort funktionierte die Müllabfuhr nicht. Deshalb entsorgten die Anwohner ihren Abfall einfach im Fluss. Der mündet im guatemaltekisch-honduranischen Grenzgebiet bei El Quetzalito ins karibische Meer. Die Strömungen schwemmen den Abfall dann regelmässig an die Strände von Omoa und im Süden von Roatán. Dafür müsse man doch eine Lösung finden können, glaubten die Umweltschützer.

Die wissenschaftliche Expedition Plasticosfera, die im Mai 2021 an mehreren Stellen zwischen der Mündung des Motagua und Roatán Wasserproben entnahm, entdeckte überall Mikroplastik.

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Aktivisten bauten die erste Barriere

Aber die Regierungen beider Länder stellten sich taub. Umweltschutz war kein Thema, für das man diplomatische Verstimmungen riskierte. Es waren lokale Fischer und Aktivisten aus Guatemala, die als erstes aktiv wurden. Aus engmaschigen Netzen und alten Plastikflaschen, an Schnüren aufgereiht bastelten sie 2016 eine Barriere, die sie quer über die Flussmündung zogen.

Es war ein Tropfen auf den heissen Stein. Erst nach anhaltendem Druck nationaler und internationaler Umweltschützer baute Guatemala im Januar 2020 eine etwas professionellere Barriere.

Doch auch die hielt längst nicht alles ab. In der Regenzeit wurde sie regelmässig von den Wassermassen übermannt. Er sei jetzt zehn Jahre Bürgermeister und habe die Nase voll, erklärte im Sommer 2021 der Bürgermeister von Omoa, Ricardo Alvarado. “Hunderte von Sitzungen und Versprechungen, und jedes Jahr zur Regenzeit wiederholt sich das Phänomen.” Alvarado kündigte eine internationale Klage wegen Umweltverschmutung gegen Guatemala an. Er könne auf die Unterstützung Costa Ricas zählen, drohte er. Zwar war unklar, vor welches Gericht er ziehen wollte, doch die Ankündigung schreckte Guatemala offenbar auf: Wenige Wochen später versprach das guatemaltekische Umweltministerium eine “integrale Lösung”.

Keine Plazebos sondern Konzernverantwortung

Für Nikita Johnson ist klar, wie diese aussehen müsste: “Wir brauchen Umwelterziehung, Müllvermeidung und Unternehmsverantwortung”, sagt sie. Die wissenschaftliche Expedition Plasticosfera, die im Mai 2021 an mehreren Stellen zwischen der Mündung des Motagua und Roatán Wasserproben entnahm, entdeckte überall Mikroplastik – besonders viel ausgerechnet im Naturschutzgebiet Punta de Manabique. “Wir empfehlen Steuern auf Plastikverpackungen, ein Verbot von Einwegplastik und mehr Verantwortung der Hersteller, statt eine Konzentration auf ineffiziente Massnahmen wie Strandsäuberungsaktionen und Auffang-Mechanismen”, heisst es in dem Abschlussbericht.

Zwei Jahre vorher hatte eine andere Expedition Müll an den Stränden gesammelt, klassifiziert und ausgewertet, welche Marken besonders häufig vertreten waren. Die Namen werden jedes Jahr von der Organisation”Break free from Plastic” publiziert. Die Rangliste verändert sich von Jahr zu Jahr nur wenig. Es sind Coca-Cola, PepsiCo, Nestlé, Unilever, Danone, Procter &Gamble, Colgate-Palmolive.

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Kraftprobe mit Coca-Cola

Nicht nur die Strände Roatáns wurden von Plastikmüll überflutet – er blockierte auch die lokalen Klaranlägen, die 2004 und 2012 dank internationaler Hilfsgelder gebaut worden waren. „Besonders leere Flaschen verstopften uns regelmässig die Gullis und die Kanalisation“, erzählt Fernanda Lozana, Leiterin des Umweltdezernats von Roatán.

2019 erliess der Gemeinderat ein Verbot von Einwegflaschen und Styroporverpackungen. „Wir waren die erste Gemeinde in Honduras, die so einen Schritt unternahm“, sagt Lozana stolz. Dank der Aufklärungsarbeit von Bica habe die Bevölkerung das ganz gut angenommen. „Doch dann stellte sich der lokale Verteiler von Coca Cola quer.“

Der Unternehmer argumentierte, er könne die Glasflaschen nicht recyceln und verweigerte die Annahme. „Das ist natürlich Unsinn. Als ich ein Kind war, hatten wir auch nur Glasflaschen, und das war kein Problem”, erzählt Lozana. “Eine Woche lang häuften sich die Glasflaschen auf der Insel.“ Doch der vereinte Druck von Medien, Bevölkerung und Umweltschützern zwang den lokalen Ableger der multinationalen Firma schliesslich zum Einlenken. Darüber freuen sich auch die Tourismusunternehmer. Die Strassengräben von Roatán sind seither die saubersten von ganz Honduras. Und Thermosflaschen – wo das Trinkwasser ausserdem schön lange kalt bleibt - gehören mittlerweile zur Standardausstattung der Inselbewohner.

Wiederaufforsten statt Müll

Da es am besten ist, wenn Müll erst gar nicht erst entsteht, veranstaltet Bica regelmässig Kurse an den örtlichen Schulen. Die Kinder helfen ausserdem einmal monatlich beim Müllsammeln, und lernen so von klein auf Achtsamkeit und Respekt vor der Natur.

Ein weiterer Bestandteil der Bildungsprogramme ist die Wiederaufforstung der Mangroven.

Abiturienten können bei Bica ihr Sozialpraktikum absolvieren.

Die Pflänzchen im tiefen Schlamm unter gleissender Sonne auszusetzen ist Knochenarbeit.

Doch für den 16jährigen Luis lohnt sich die Anstrengung: "Ich weiss, wie wichtig die Mangroven sind, um unsere Insel vor Hurrikanen und Überschwemmungen zu schützen", sagt er. "Daher mache ich das gerne. Und kann später einmal stolz sein, dass ich mitgeholfen haben, unsere schöne Insel Roatán zu bewahren."

Ein weiterer Bestandteil der Bildungsprogramme ist die Wiederaufforstung der Mangroven.

Abiturienten können bei Bica ihr Sozialpraktikum absolvieren.

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