Hunger
            im  Überfluss     

 

Brasilien ist eine Agrarmacht

von Sandra Weiss

 

 

Inmitten der Kornkammer von Brasilien, umgeben von Viehweiden und Maisfeldern, starrt Gilda Rodrigues auf einen rußgeschwärzten Topf und fragt sich, ob sie heute etwas essen wird. Es ist noch früh an diesem Wintermorgen. Das Thermometer zeigt 15 Grad, und die aufgehende Sonne kämpft schwer gegen den Bodennebel, der die Umgebung in einen gespenstischen Wattenebel taucht. Rodrigues fröstelt und rückt näher an die glimmenden Scheite der Kochstelle in ihrer kleinen Holzhütte. Über dem Feuer köchelt Wasser für den chimarrão, den bitteren Matetee. „Der chimarrão ist magisch. Er hat Heilkräfte und vertreibt den Hunger“, sagt die 21jährige. Er hat auch etwas Tröstliches. Die bis zum Rand mit Kraut gefüllte Kalebasse wird immer wieder von neuem mit heißem Wasser aufgefüllt und in der Großfamilie herumgereicht. Jeder trinkt sie aus, so oft er mag, auch wenn der Kräutergeschmack längst nur noch als Hauch den Gaumen streichelt. So entsteht die Illusion von Überfluss, und das Ritual schweißt sie in der Not zusammen. 

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Doch im Vordergrund steht der Export, während zuhause immer mehr Menschen Hunger leiden. 

...Die Guaraní-Familie Rodrigues überlebt mit Reis, Maniok und Matetee.

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Der rußige Topf mit einem halben Kilo Reis vom Vorabend steht abgedeckt auf einem Brett und ist für Gildas drei kleine Kinder reserviert: Thallis, 8, Hellen, 4, und Lemuel, 2. Natanel, der kleinste, gerade einmal zwei Monate alt, bekommt noch die Brust. Falls sie etwas übrig lassen, wird ihr Mann Geraldo etwas bekommen, damit er Kräfte für die Jagd hat. „Gestern war ein guter Tag“, erzählt Rodrigues lächelnd. „Da hat er eine Wachtel erwischt, und ich konnte etwas Fleisch in den Reis tun.“

Geraldo wird nicht alles aufessen, was die Kinder übrig lassen, sondern fein säuberlich mit seiner Frau teilen

Geraldo mit dem wettergegerbten Gesicht und der sehnigen Statur ist ein guter Mann und ein besorgter Familienvater. Er wird nicht alles aufessen, was die Kinder übrig lassen, sondern fein säuberlich mit seiner Frau teilen. Satt werden davon beide nicht, aber das bohrende Gefühl im Magen lässt wenigstens ein bisschen nach. Für Gilda bergen drei Löffel Reis genug Energie, um Wäsche zu waschen, während Geraldo Brennholz im nahegelegenen Eukalyptuswäldchen sucht.

Die Familie lebt in Pyelito Kué im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Sie gehört zur Ethnie der Guaraní. Einst waren diese die Herren über die weiten Steppen Brasiliens. Dann verleibten sich die portugiesischen Kolonialherren die besten Ländereien ein, und die Guaraní wurden immer weiter zurückgedrängt. Nach der Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert rissen sich miteinander familiär verbandelte Politiker, Anwälte, Notare und Kaufleute riesige Ländereien unter den Nagel, indem sie sich untereinander Besitztitel ausstellten. 

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Heute leben noch 45.000 Guaraní in Mato Grosso do Sul, einem Bundesstaat von der Größe Deutschlands. Die meisten von ihnen sind zusammen mit anderen indigenen Ethnien in acht Reservaten eingepfercht und warten darauf, dass der Staat das ihnen laut Verfassung zustehende Stammesland wieder zurückgibt. „242.322 Hektar sind von der Indigenabehörde zur Rückgabe ausgewiesen“, sagt Matías Rempel, Koordinator des Indigenen Missionsrates CIMI. „Zurückgegeben wurden gerade einmal 70.370 Hektar.“ Das entspricht 1,3 Mal dem Bodensee und macht weniger als ein Prozent der gesamten Fläche des Bundesstaates aus. Der Rest steckt in Rechtsstreitigkeiten in der brasilianischen Justiz fest – zum Teil seit über 30 Jahren.

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Gildas Gemeinschaft, der knapp 50 Familien angehören, wurde irgendwann ungeduldig. In ihrem Reservat gab es nicht genug Grund und Boden, damit alle Familien Landwirtschaft betreiben konnten, und in der nächstgelegenen Stadt Itaguemi, wo die Großgrundbesitzer das Sagen haben, werden Indigene als nichtsnutzige Störenfriede betrachtet und diskriminiert. Kaum jemand will ihnen Arbeit geben und wenn dann nur zu ausbeuterischen Bedingungen. „Manchmal bieten sie mir nur das Essen an“, erzählt Geraldo. „Im besten Fall zahlen sie den Mindestlohn für harte Knochenarbeit.“ In den Reservaten schossen in den vergangenen 20 Jahren Morde und Selbstmorde in die Höhe, auf ein Vielfaches der brasilianischen Durchschnittsrate. „Dort konnten wir nur sterben, aber nicht leben“, sagt Geraldo.

Vor acht Jahren verliessen sie zusammen mit Gleichgesinnten das Reservat. Die 50 Familien siedelten sich erst auf einem Streifen neben der Autobahn an, dann besetzten sie den Hof, der sich auf ihrem Stammesland Pyelito Kué befand. Es waren traumatische Monate, ständig gab es Polizeirazzien, und bewaffnete Angestellte des Grossgrundbesitzers drohten ihnen.

 

Wenn sich Gilda daran erinnert, wird ihre sonst sehr sanfte Stimme laut. Die „Pistoleiros“ hätten sie immer wieder verjagt, ihre Hütten niedergebrannt, ihre Felder zertrampelt, erzählt sie. Es gab Tote, Verletzte, vergewaltigte Frauen. Und immer wieder mussten sie von Null anfangen. Gilda war in der Zeit schwanger, sie hatte starke Blutungen. Thallis wurde zu früh geboren und ist fast blind. Eine Erklärung dafür hat sie im Hospital nie bekommen. Die Welt der „Cara-y“, der Weißen ist Gilda fremd. Sie verbindet mit ihr nur Leid, Hunger und Gewalt.

"Wir wollen zurück in unser Teko-há“, sagt sie bestimmt.

 

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"Wir wollen zurück in unser Teko-há“, sagt sie bestimmt. Das Konzept, das im deutschen am ehesten vergleichbar ist mit Heimat, bedeutet auf Guarani „der Ort an dem wir sein können was wir sind.“ Das umfasst das hier und jetzt ebenso wie die Gräber der Ahnen. Dazu gehören Wälder, in denen sie ihre natürlichen Heilkräuter finden, Flüsse zum Fischen und Steppen zum Jagen und zum Anlegen der Felder, die regelmäßig rotiert werden, damit der Boden nicht auslaugt. Doch das kollidiert frontal mit den Ansprüchen und der Weltsicht der Großgrundbesitzer, für die jeder Quadratmeter Erde profitable Anbaufläche repräsentiert. Was für die Guaraní die Rückkehr in die Heimat ist, sehen die Großgrundbesitzer als illegale Landnahme – selbst dann, wenn Gerichte ernsthafte Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer Landtitel äußern. Denn es geht um viel Geld. Zwei Ernten pro Jahr gibt das subtropische Klima her, wenn die eisenhaltigen Lehmböden mit Düngern und Pestiziden entsprechend aufbereitet werden. Vor allem Soja und Mais für den Export wird in der Region angebaut. 8,6.Millionen Tonnen Soja wurden von hier 2021 in die ganze Welt verschifft. Mit der eiweißreichen Bohne werden in China und Europa Hühner, Rinder und Schweine gemästet, damit die dortigen Supermärkte den Konsumenten billiges Fleisch anbieten können. „Doch an dieser Soja klebt Blut,“ warnt Rempel.

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 „Doch an dieser Soja klebt Blut,“ warnt Rempel.

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Irgendwann schritt schliesslich auf Drängen von Cimi der Staat ein in Pyellito Kué und organisierte Verhandlungen. Der Großgrundbesitzer bekam seinen Gutshof zurück, den Indigenas gestand er ein Eckchen Land zu, wo der Staat versprach, Wasser- und Stromleitungen zu legen, eine Schule und einen Gesundheitsposten zu bauen. Sechs Jahre später wurde von den Versprechen nur das der Schule eingehalten.Den Strom hat die Gemeinschaft nach zähen Verhandlungen mit dem Stromanbieter selbst organisiert; die Wassertanks baute eine NGO, auf den Gesundheitsposten wartet die Gemeinde bis heute. Der Boden ist sandig, darauf etwas anzubauen ohne Kunstdünger oder agronomisches Fachwissen, ist ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Und selbst wenn etwas wächst, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch geerntet werden kann.

 

Fassungslos steht Gildas Tante Maria Aparecida Goncalves in ihrem ziemlich lädierten Maniokfeld unweit der Hütte. Sprachlos deutet sie auf ein paar dicke Kuhfladen. „Es hat mich so viel Mühe gekostet, hier etwas anzubauen“, seufzt sie, und Tränen steigen ihr in die Augen. „Und dann kommen die Kühe und machen in einer Nacht alles kaputt.“ Traurig klaubt sie ein paar noch unbeschädigte Maniokstauden auf. „Und wenn wir die Kühe vertreiben und ihnen etwas passiert, schickt der Großgrundbesitzer die Polizei und klagt uns wegen Viehdiebstahls an“, seufzt sie.

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Und wenn wir die Kühe vertreiben und ihnen etwas passiert, schickt der Großgrund-

besitzer die Polizei und klagt uns wegen Viehdiebstahls an“

 

Inzwischen ist es Mittag, und die Sonne brennt unerbittlich auf die sandige, rote Erde. Gildas Reistopf ist leer, die Kinder jammern hungrig, entdecken dann aber ein paar reife Maulbeeren am Wegesrand und sind erst einmal abgelenkt. „Thallis bekommt zum Glück an der Schule eine Mahlzeit“, seufzt Gilda mit einem Blick auf ihre „Speisekammer“ – ein auf halber Höhe vernageltes Holzbrett an der Wand der Hütte. Ein dreiviertel Liter Speiseöl steht da noch, etwas Zucker, Salz und ein Kilo Maismehl. Es sind Reste aus einem der Lebensmittelkörbe, die Brasiliens Regierung an die Ärmsten jeden Monat verteilt. Doch die kommen nur unregelmäßig. Seit der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro an der Macht ist, der Indigene für rückständig hält und die Bodenschätze auf ihrem Land ausbeuten will, werden die Abstände grösser. Seit vier Monaten wartet Gilda schon auf einen neuen Lebensmittelkorb.

 

Auch heute bleibt er aus. Doch statt der Regierung kommt Nachbarin Goncalves vorbei und lässt etwas Maniok da, den sie von ihrem zertrampelten Feld retten konnte. Solidarität ist ein ehernes Gesetz der Guaraní. Innerhalb der Großfamilie wird alles miteinander geteilt. Strahlend schält Gilda die Knollen und kocht sie in heißem Wasser. „Die gibt es heute Abend mit etwas Salz und Öl“, sagt sie glücklich. Ausgewogen ist der Speiseplan der Familie zwar nicht, aber Gilda ist froh über die Gewissheit, dass ihre Kinder wenigstens nicht mit leerem Magen ins Bett gehen müssen.

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Solidarität ist ein ehernes Gesetz der Guaraní. Innerhalb der Großfamilie wird alles miteinander geteilt.

Die Reportage entstand im Auftrag von Misereor                      https://blog.misereor.de/2022/10/01/doppeltes-leid-der-guarani-muetter-in-suedbrasilien/