Im hintersten Zipfel des bolivianischen Chaco

widersetzt sich ein Guaraní-Dorf der westlichen Zivilisation

von Sandra Weiss

 

 

Niemals war irgendjemand Wichtiges nach Tentayape gekommen, in dieses verlorene Dorf im hintersten Winkel des bolivianischen Chaco. Zwölf Stunden Autofahrt entfernt von den Provinzstädten Santa Cruz und Sucre. Da wo einst Che Guevara die Revolution hintragen wollte – und den Heldentod fand, weil niemand mitmachen wollte. Selbst bis ins nächste Kuhdorf Igüembe sind es noch vier Stunden Fahrt. 63 Mal muss man auf holprigen Pisten den gleichen Fluss kreuzen, den Igüembe, bis man nach Tentayape kommt. Wenn man nicht steckenbleibt im trügerischen Sand. Und wenn der Fluss nicht zu viel Wasser hat. Niemand hatte das je auf sich genommen, kein Bürgermeister, kein Gouverneur, kein Abgeordneter. Und das war gut so. Waren sie dafür nicht schließlich hierher geflohen, um sich zurückzuziehen von der Welt, vom Stress, vom Konsum, von Lug und Trug?

 

Und nun hat sich ausgerechnet der Präsident Boliviens angekündigt, Evo Morales. Eine Schnapsidee des Capitán, des Stammesführers, ausgerechnet den Staatschef und sein präsidiales Fußballteam einzuladen zum alljährlichen Turnier von Tentayape. Wo doch nicht mal die Mannschaft aus dem Nachbardorf kommt. 

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Der letzte Ort, an dem die jahrhundertealte Kultur sich der westlichen Zivilisation noch widersetzt

Eigentlich raucht Yariguira Cañani nicht, jedenfalls nicht viel, doch jetzt hat er Lust auf eine Zigarette. Der untersetzte Mann mit den fünf Schnurrbarthärchen trommelt nervös mit den Fingern auf das Armaturenbrett, sein Blick fixiert die Piste, über die der altersschwache Kleinlaster ruckelt. Rechts und links zieht dorniges Buschland an ihm vorbei, tiefe Schluchten mit schlammigen, braunen Flüssen. Doch Yari, wie ihn alle der Einfachheit halber nennen, hat dafür keinen Blick.  Der Capitán hat ihm einen Auftrag erteilt, und der ist zu erfüllen. Das sind die ehernen Grundsätze der Guaraní-Indianer: fleißig sein, nicht stehlen, nicht lügen, den Älteren gehorchen. Auch wenn der Auftrag skurril anmutet: Ein Klo für den Präsidenten.

 

Keine einfache Aufgabe, selbst nicht für Yari, den Assistenten des Capitán, der weiß, was ein Klo ist, weil er neun Jahre lang in der Stadt gelebt und Abitur gemacht hat. In drei Tagen kommt der Präsident, und in Tentayape gibt es keine Klos. In Tentayape gibt es so einiges nicht: keinen Strom, keine Schule, keinen Gesundheitsposten, keine Kirche. Tentayape heißt übersetzt das „letzte Haus“, und das ist durchaus wortwörtlich zu nehmen. Es ist der Rest des stolzen Guaraní-Reiches, das sich einst über Teile Boliviens, Paraguays und Argentiniens erstreckte. Der letzte Ort, an dem die jahrhundertealte Kultur sich der westlichen Zivilisation noch widersetzt. Ihre Vorfahren wurden von den Jesuiten in Siedlungen gebracht und dort zum christlichen Glauben und zum sesshaften Leben bekehrt. Die Jesuiten boten Schutz vor der Ausrottung durch die spanischen Eroberer im Tausch für Anpassung. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zogen Bolivien und Paraguay in den Chaco-Krieg, ein Gemetzel um die Ehre, den Zugang zum Meer und ein Stück Land. Weil die Criollos, die Söhne der einheimischen Oberschicht, nicht kämpfen wollten, wurden die Guaraní zwangsrekrutiert, von beiden Seiten, auch wenn sie selbst nicht wussten, ob sie eigentlich Bolivianer oder Paraguayer waren. Als Kanonenfutter fielen sie in einem der blutigsten Kriege Südamerikas. Auch der Vater des Capitán, Bacuire Guarindú, wurde damals mit seinem Stamm aufgelistet. Doch er sah keinen Sinn, sich unter Brüdern hinzumetzeln, und floh mit einigen Familien. Ins Niemandsland, wo ihn ganz bestimmt niemand finden würde.

Zwischendurch ist viel Zeit zum Reden, zum Schweigen, zum Kauen der Kokablätter und zum Trinken des vergorenen Maisextrakts, der Chicha

Ausgerechnet in dieses Niemandsland kommt nun der Präsident. „Ein Bierchen wäre jetzt nicht schlecht“, murmelt Yari und wischt sich mit einem verwaschenen Handtuch mit Jaguar-Aufdruck den Schweiß von der Stirn. Verstohlen blickt er zu dem Fahrer. Doch der schüttelt nur den Kopf. Andeutungsweise, wie es bei den Guaraní üblich ist. Große Gesten und lautes Reden liegen ihnen fern. Der Fahrer hat nichts dabei, und bis zu nächsten Siedlung fehlt noch ein ganzes Stück. Es ist elf Uhr vormittags, und die Sonne brennt unerbittlich auf die rote Erde, deren feiner Pulverstaub den weißen Kleinlaster überzieht wie roter Puderzucker.

Weit verstreut auf 20.000 Hektar leben die 600 Einwohner. In strohbedeckten Lehmhütten, versteckt im Unterholz links und rechts des Flusses. Wenn man nicht wüsste, dass dort Menschen leben, würde man sie glatt übersehen, so sehr sind sie mit der umgebenden Natur verschmolzen.

 

Sie leben wie es damals der alte Bacuire vorgemacht hat. In 120 Großfamilien. Die Frauen in lange, bunte Kleider gehüllt, die Männer flechten sich Zöpfe aus ihrem langen Haar, legen sie in Tücher ein und binden sie um die Stirn. Sie stehen mit der Sonne auf und gehen nach Sonnenuntergang schlafen wie ihre Hühner, die sich abends einen Ruheplatz auf den Bäumen suchen. Zwischendurch ist viel Zeit zum Reden, zum Schweigen, zum Kauen der Kokablätter und zum Trinken des vergorenen Maisextrakts, der Chicha. Die Frauen stampfen den Mais per Hand und dreschen die Bohnen mit Holzstöcken, bevor anschließend in Schilfsieben die Spreu von den Bohnenkernen getrennt wird. Das Leben der Frauen dreht sich um Kinder und Küche. Die Männer kümmern sich um die Tiere, ums Brennholz und um die Felder.  

Es ist ein genügsames Leben. „Ich baue meine Bohnen, meine Erdnüsse und meinen Mais an und weiß, dass ich ein Jahr lang meine Familie ernähren kann“, sagt Yari. Er ist 36, ist mit einer Tochter des Capitán verheiratet und hat drei Kinder. „In der Stadt muss man sich jeden Tag von Neuem ums Geldverdienen kümmern, und dann geht man einmal einkaufen, und alles ist weg“, weiß er aus Erfahrung. Und der Lärm und die Hektik und die Diebe...Nein, das ist kein Leben für ihn. Deshalb ist er zurückgekehrt. In sein Dorf, in dem es keine Vergewaltigungen gibt, keine Scheidungen, und wo die Kinder lachen und den ganzen Tag spielen können, weil es keine Schule gibt. „Dort lernt man nur unwichtige Dinge und wird Zwietracht gesät“, findet der Capitán. Yari kam zurück mit einem Diplom, etwas Geld, modernen Klamotten, ohne Zöpfe und mit einer Armbanduhr und einem Handy. Das nützt ihm zwar nicht zum Telefonieren, denn in Tentayape gibt es  keinen Empfang, aber es ist so etwas wie ein Statussymbol. Fotos kann man damit machen. Und wenn man unterwegs ist, ist es auch nicht so dumm. Denn Yari, der Studierte und des Spanischen Mächtige, ist oft unterwegs. Er ist der Verbindungsmann zur Außenwelt. Deshalb muss er jetzt das Klo besorgen.

 

Die Schluchten und die roten Felsen haben einem lieblichen, schattigen Sandweg zwischen hohen Bäumen Platz gemacht. „Halt!“ befiehlt Yari. „Da ist der Onkel.“ Weit und breit ist niemand zu sehen. Der „Onkel“ ist ein stattlicher Laubbaum an der Grenze des freien Guaraní-Reichs, und ihn hat man um Erlaubnis zu fragen, wenn man hier vorbeikommt. Yari streut ein paar Kokablätter aus, steckt eine brennende Zigarette in den Stamm und murmelt ein paar beschwörende Worte auf Guaraní. Der Guaraní-Gott Tumpa ist gut, aber dessen Assistenten, die Iyas, die für wichtige Dinge wie Wasser, Sonne und Fruchtbarkeit sorgen, sind zickige Geschöpfe, die bei Laune gehalten werden müssen. Mit einem Wegzoll beispielsweise. Oder mit Gebeten, wenn gar nichts mehr hilft. Wie beim Bau der Wasserleitung, dank der jede der weit verstreut lebenden Guaraní-Familien nun ganzjährig sauberes Wasser aus einer Quelle in den Bergen hat. Auch zur Trockenzeit, wenn der Fluss versickert. Zuerst spielte der zuständige Iya ihnen viele Streiche, die Leitungen platzten, das Wasser schaffte es nicht über den Berg, obwohl die Ingenieure sich die Haare rauften und ihre Formeln dreimal nachrechneten. Bis der zuständige Hexer sich den Iya vornahm und ihm einige Gebete und Opfer darbrachte. Seither klappt es. Das mit der Wasserleitung war ein großes Ding. Ewig wurde es debattiert, in unendlichen Sitzungen der Runde der weisen Männer. Denn wie viel Modernität ins Dorf gelassen wird, das ist eine existenzielle Frage für Tentayape. Die Guaraní wollen Herrscher sein über den Fortschritt, nicht Sklaven.

Halt!“ befiehlt Yari. „Da ist der Onkel.“ Weit und breit ist niemand zu sehen. Der „Onkel“ ist ein stattlicher Laubbaum an der Grenze des freien Guaraní-Reichs, und ihn hat man um Erlaubnis zu fragen, wenn man hier vorbeikommt.

 

Mehr Probleme als der Regen bereitet den Guaraní die Trockenheit. Denn dann verdörren Mais und Bohnen, und sie müssen ihre Tiere verkaufen oder andernorts Arbeit suchen, um nicht zu verhungern. Manche hüten das Vieh der Großgrundbesitzer rund um Tentayape. Oder sie gehen zu den Erdölfirmen. Denn unter der dornigen Strauchsteppe liegen Millionen Kubikmeter Gas. Und das schafft Begehrlichkeiten. Die ausländischen Erdölkonzerne, die zur Förderung das know-how haben, wollen ihr Stück vom Kuchen, ebenso wie der Staat, der Geld braucht, um im ärmsten Land Südamerikas seine Sozial- und Infrastrukturprogramme zu finanzieren. Und Brasilien und Argentinien wollen das Gas, um ihre wachsenden Volkswirtschaften anzukurbeln. Nur die Guaraní von Tentayape wollen nichts wissen von Sprengungen zur Erdölprospektion, von Pipelines und Bohrlöchern. Deswegen haben sie neun Jahre lang gekämpft, um Landtitel zu bekommen, damit ihre Gemeinde zum “nationalen Kulturerbe“ erklärt wird, und deshalb reisen sie jetzt häufiger nach Igüembe, um zu sondieren, ob sie ihr Dorf nicht zur „Autonomen Guaraní-Republik“ erklären können. Die neue Verfassung, angeregt vom Präsidenten Evo Morales, sieht derartige Autonomiestatute vor.

 

Nach zwei Stunden Fahrt für knappe 30 Kilometer ist Yari in der Modernität angelangt. Die steinigen Pfade machen einer breiten Schotterpiste Platz, mit Drainage und haufenweise Verkehrsschildern. „Bitte rechts halten“, „Höchstgeschwindigkeit 50 km/h“. An der unteren rechten Ecke prangt das Logo „freundliche Schenkung von Repsol/YPF“, dem Konzessionär des Gasfelds von Margarita. Yaris Handy hat nun Empfang, und während am Fenster Schulen, Fußballfelder und der Flughafen vorbeiziehen -  „freundlichst Repsol“ -  kündigt er per Handy dem Beauftragten für kommunitäre Beziehungen der Firma Techint, die gerade die Gaspipeline verlegt, sein Kommen an.

„Nett mit der Strasse, aber jetzt werden mehr carays, mehr Weisse kommen“, fürchtet der kleine Mann mit den vielen Falten und dem mürrischen Blick. „Fliegende Händler, Missionare, Viehdiebe.“

 

Podcast: Bolivien - Sandra Weiss
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Oscar Funes ist Argentinier und lebt seit eineinhalb Jahren in den Fertigbauten mit Nasszellen und den klimatisierten Zelten mit Gemeinschaftsklo im unwirtlichen Chaco. Er ist guter Laune, denn das Projekt ist ohne größere Probleme über die Bühne gegangen, und bald darf er zurück in die Heimat. Freundlich begrüßt er den Guaraní-Delegierten. “Was braucht ihr denn?” fragt er jovial. Die Leute aus Tentayape mag er. Mit ihnen gibt es keine Probleme. Die Pipeline führt nicht durch ihr Territorium, und die 20 Männer, die von dort eingestellt wurden, sind fleißig.

 

Anders denkt man bei Repsol über Tentayape. Der spanische Energiekonzern hatte vor einiger Zeit eine Delegation in das Dorf geschickt und anschließend dem Capitán ein Papier vorgelegt zur Unterschrift. „Nur eine Bestätigung, dass wir hier waren und geredet haben“, sagten sie.

Der Capitán, fast blind und des Lesens und Schreibens nicht mächtig,  setzte seinen Fingerabdruck unter die Einwilligung für Erdölprospektion. Als die ersten Seismologen kamen und Sprengungen anstellten, war die Aufregung gross – doch rechtlich hatten die Guaraní nichts in der Hand. Eine Delegation reiste nach La Paz und wurde beim Präsidenten vorstellig.

Evo Morales ist Hochlandindianer und versteht die Rohstoffe als Basis der Entwicklung Boliviens. Doch sein politischer Instinkt sagte ihm, dass er sich lieber mit den Tieflandindianern solidarisieren sollte. Und als Dank wurde er zum Fußballspielen eingeladen. „Wir hatten ja schon gesprochen, und wie sie wissen, kommt der Präsident mit einer großen Delegation, und es ist nicht einfach für uns...“, druckst Yari mit leiser Stimme herum. In der Gemeinde gehört er zu denjenigen, die etwas zu sagen haben und das Wort ergreifen. Doch Bittsteller zu sein, jemandem einen Gefallen zu schulden, das gefällt ihm nicht. „Hast du mir schriftlich die Liste?“ fragt Funes. Yari nickt und überreicht ein von Hand beschriebenes, Blatt Papier. Funes überfliegt den Schrieb, telefoniert herum und setzt einen Stempel unter das Papier. „Benzin für euren Bus habe ich, Stühle, Tische, Liegen und Matratzen kann ich euch leihen, aber Zelte leider nicht“, sagt Funes. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Zettel wie der von Yari.

„Nur eine Bestätigung, dass wir hier waren und geredet haben“, sagten sie. Der Capitán, fast blind und des Lesens und Schreibens nicht mächtig,  setzte seinen Fingerabdruck unter die Einwilligung für Erdölprospektion.

Die Erdölfirmen sind in dieser gottverlassenen Gegend König. Die umliegenden Gemeinden wünschen sich Schulen, Fußballplätze, Gemeinschaftsräume, Gesundheitsposten, Baumaterial für Häuser, Brunnen. Eine Straße und Strom kamen gleich im Paket mit dem Erdölcamp mit. Dinge, die der Staat nicht leistet, und die von den transnationalen Konzernen auf der Spesenrechnung verbucht werden. Soziale Investitionen im Tausch für Ruhe, und alle sind zufrieden. Nur Yari noch nicht. 

 

"Und das Klo?“ fragt er vorsichtig. „Also, wir haben da welche, aber die sind nicht vollständig, es fehlt die Wasserzisterne“, sagt Funes. Yari strahlt. Er will die Klos trotzdem. Aufgabe ist Aufgabe. „Auf dem Rückweg nehmen wir alles mit“, vereinbart er. Inzwischen ist es zwei Uhr nachmittags und der Durst groß. „Hier halten wir“, bestimmt Yari erneut neben einem kleinen, staubüberzogenen Häuschen am Straßenrand. Hier wohnt Fabián, der Wunderheiler. Mit zweimaligem Handschütteln und einer Umarmung wird er begrüßt, dann wird gemeinsam Koka gekaut und werden ein, zwei, drei Bierdosen geleert, bevor Yari zur Sache kommt. So wie es die Gebräuche wollen. Fabián sei recht herzlich eingeladen zum Präsidentenbesuch. Und wenn es ihm nichts ausmache, wolle man seine Hilfe erbeten, denn der Präsident komme zu einem Fußballspiel, und die Elf von Tentayape könne noch Unterstützung spiritueller Art gebrauchen. Fabián weiß, worum es geht, aber erst einmal beklagt er sich weitschweifig, dass die Brüder aus Tentayape schon so lange nicht mehr bei ihm gewesen sind. Dann will er wissen, wer alles mitspielt, in welcher Verfassung sie sind  - und danach muss der Preis ausgehandelt werden. Doch zur Zeremonie fehlt noch die Essenz einer Heilpflanze. Yari verabschiedet sich mit einem neuen Auftrag.

Soziale Investitionen im Tausch für Ruhe, und alle sind zufrieden.

Nur Yari noch nicht.

Um vier Uhr nachmittags schließlich kommt er in Palos Blancos an, einem staubigen Nest mit nicht mehr als 100 Einwohnern. Erst einmal geht er essen, dann kommt die Liste mit den Erledigungen dran: Zucker, Nudeln, Speiseöl, Salz, Käse, Bier. Bis alles erledigt ist, geht die Sonne unter und Yari muss die Rückfahrt im Dunkeln antreten. Auf der Rückfahrt wird erneut ein Zwischenstopp beim Heiler eingelegt, für die Beschwörungszeremonie, bei der Guaraní-Formeln, zwischen den Fingern zerriebenes Öl und Heiligenbildchen eine wichtige Rolle spielen. Dann werden im Erdölcamp Klos, Waschbecken und Stühle aufgeladen. Die Nacht ist eiskalt und sternenklar. Und während der Fahrer unterwegs immer wieder anhält, um hinter einen Baum zu pinkeln oder mitten in der Nacht Passagiere und Ladung auf den eigentlich schon vollen Laster zu stülpen, erzählt Yari. Von der Stadt, von der Diskriminierung, die ihn dazu gebracht hat, sich seine Zöpfe abzuschneiden, von seiner Zerrissenheit zwischen der Moderne mit ihren Annehmlichkeiten und der Tradition mit ihrer Sicherheit. „Bei uns bestimmt der Capitán, aber er kennt die Welt da draußen nicht und kann vieles nicht so richtig verstehen und einschätzen“, sagt er. 

 

So wie die Sache mit dem Telefon. Es war ein langer Kampf, und erst, als jemand in der Gemeinde so schwer krank wurde, dass der Heiler nicht mehr helfen konnte, sah der Capitán die Notwendigkeit einer Kommunikation mit der Außenwelt ein. So kam Tentayape zu einer solarbetriebenen Telefonzelle, die direkt vor der Hütte des Capitán installiert wurde. Nur er nimmt die einkommenden Anrufe entgegen. Bei ihm steht das Funkgerät um mit der weiter entfernten Außensiedlung Los Sotos zu sprechen, und er bestimmt über die einzige Flinte im Dorf, die über seinem Bett hängt. Benutzt wurde sie noch nie, die Guaraní sind ein friedfertiges Volk, in dem selbst Prügeleien selten sind und fast nie jemand die Stimme erhebt. Aber man weiß ja nicht, ob das altersschwache Schießeisen nicht doch mal hilfreich sein könnte. Wenn die Erdölfirmen kommen vielleicht, zur Abschreckung. 

Auf Wasser, Telefon, Funkgerät und Kleinlaster folgte das Plastik. In unterschiedlichsten Formen hat es Einzug gehalten. Flaschen, Kanister, Planen, Säcke ersetzen langsam die Kürbiskalebassen und Tongefäße. Neueste Errungenschaft der westlichen Zivilisation sind Kinderwagen. Mitgebracht von denjenigen, die bei den Erdölfirmen arbeiten oder ab und zu ins Dorf fahren, um dort Mais und Tiere zu verkaufen. Ob es Nanité passt oder nicht, die Zivilisation ist auf dem Vormarsch, unaufhaltsam. Und sie stößt und reibt sich an den Wertvorstellungen der  Guaraní, die ihre Identität nicht verlieren wollen. „Ausschlaggebend ist der Rhythmus, mit dem die Neuerungen kommen“, sagt der Soziologe Edgar Sánchez. „Wünschenswert ist, dass es langsam genug geschieht, so dass die Guaraní die Dinge in ihre Wertvorstellungen eingliedern und entsprechend uminterpretieren können, ohne die Essenz ihrer Kultur zu verlieren, die Großzügigkeit, die Brüderlichkeit, die Friedfertigkeit, den Familienzusammenhalt.“ Das ist die Aufgabe, die der alte Bacuire seinem Sohn Guayari mitgegeben hat. Dem schweigsamen, hageren Capitán, der sich hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt.

„Bei uns bestimmt der Capitán, aber er kennt die Welt da draussen nicht und kann vieles nicht so richtig verstehen und einschätzen“, sagt er. 

 

Am nächsten Morgen wird der Laster abgeladen. Da steht es nun das Klo, leuchtend weiß auf dem Sandboden vor der Lehmhütte des Capitán und wird kritisch beäugt vom obersten Chef.  Inzwischen ist die Vorhut des Präsidentenbesuchs eingetroffen, eine Delegation des Gouverneurs, eine des Bürgermeisters, Vertreter des Roten Kreuzes und ein Guarani-Abgeordneter. Alle haben etwas anzumerken. „Die fehlende Zisterne könnte man durch Eimer ersetzen“, meint einer. „Aber der Präsident kommt sicher gar nicht bis über den Fluss zur Hütte des Capitán, sondern wird auf dem Fußballplatz bleiben“, gibt ein anderer zu bedenken. „Und da müssten wir erst eine extra Abzweigung von der Haupt-Wasserleitung legen.“ „Der Zement wird so schnell gar nicht mehr trocken, und dann wackelt das Klo und der Präsident könnte das Gleichgewicht verlieren“, warnt ein Dritter. Ein Delegierter des Roten Kreuzes plädiert für eine Latrine und kritzelt mit einem Stock den Bauplan in den Sand. Sonor spuckt der Capitán dicken grünen Speichel auf den Boden: die Kokakugel, die er die ganze Zeit über in der Backentasche hatte. Dann spricht er kurz mit dem für die sanitäre Installation abgeordneten Gehilfen Sandro, und die Entscheidung ist gefallen: Die Schüssel wird nicht installiert.

 

Stattdessen bekommt der Präsident ein Plumpsklo. Yari zuckt nicht mit der Wimper. Er hat seine Mission erfüllt, das ist das wichtigste. Obwohl er insgeheim weiß, dass die carays in der Stadt sich die Haare raufen würden und von Effizienz schwafeln. Der Capitán hat heute noch Wichtigeres zu entscheiden: wie der Empfang ablaufen soll, wer was wann sagen soll. Auf zwölf Uhr, mit der Sonne im Zenit, war die Versammlung anberaumt, um ein Uhr sitzen immer nur noch die Delegierten von außerhalb um den kleinen Holztisch vor der Hütte des Capitán und machen gute Miene zum bösen Spiel. Mit knurrendem Magen debattieren sie, was man vom Präsidenten erbitten könnte. „Es gab hier in den letzten Jahren viel Trockenheit, ein Bewässerungssystem wäre sinnvoll“, sagt der Delegierte des Gouverneurs und stößt auf einhelliges Kopfnicken. Der Capitán sitzt daneben und schweigt. Um zwei Uhr nachmittags kommen endlich die Ältesten, in ihrer Gefolgschaft eine Gruppe jüngerer Männer und Heranwachsender, und die Sitzung kann beginnen. Nach eineinhalb Stunden steht fest, dass nur der Capitán und der Mannschaftskapitän des Teams reden werden. Und dass man den Präsidenten darum bitten wird, ein angrenzendes Stück Staatsland zu schenken, denn dort ruhen die Reste eines großen Urvaters von Tentayape. Die Idee stammt von Nanité. Von Bewässerung ist keine Rede. Aber immerhin, noch vor Einbruch der Dunkelheit ist das hölzerne Plumpsklo fertig. Der Delegierte des Gouverneurs nimmt es bewundernd in Augenschein. „Man hat den Eindruck, hier wird immer nur geredet, aber es passiert ja doch was“, sagt er überrascht. Für einen Sichtschutz allerdings hat die Zeit nicht mehr gereicht. Doch das scheint niemanden zu stören. Privatsphäre ist bei den Guaraní auf ein Minimum reduziert, ihre Hütten sind nach vorne hin offen. 

 

Dann ist er endlich angebrochen, der große Tag. Schon vor Sonnenaufgang kochen die Frauen am Lagerfeuer Mais und Bohnen, grillen Fleischspieße und finden nebenher noch Zeit, sich zu schminken, die bunten Bänder zu Blumen zu flechten und um die Stirn zu binden und die schweren Ketten aus Glasperlenschnüren und Münzen umzulegen. Das Solartelefon klingelt schrill. Es ist der Präsidentenpalast: Evo Morales sei verhindert und könne leider nicht kommen. Kurz zuvor hatte er noch in der Nachbarschaft im Camp von Margarita die neue Gasaufbereitungsanlage eingeweiht und seine Allianz mit Repsol-YPF beschworen. Mit unbeweglicher Miene teilt der Capitán die Neuigkeit den Umstehenden mit. Ein politischer Rückschlag.

„Dann wackelt das Klo und der Präsident könnte das Gleichgewicht verlieren“

„Man hat den Eindruck, hier wird immer nur geredet, aber es passiert ja doch was“

Aber die Männer und Frauen sind fröhlich, seit Sonnenaufgang haben schon eine Menge Eimer Chicha, vergorener Maistrunk, die Runde gemacht. Fußball gespielt und gefeiert wird trotzdem, schließlich muss der schöne, goldene Pokal vergeben werden. So treten eben zwei Jugendteams aus Tentayape gegeneinander an. Irgendwann kommt noch der Gouverneur, bringt vier Fußbälle und ein neues Set Trikots, freut sich über das schöne Fest und verspricht das, was er immer und überall verspricht: dass er sich persönlich um das kümmern wird, was man so braucht in Tentayape, eine Schule vielleicht oder Strom? 

Nein danke, eigentlich brauche man nichts, entgegnet der Capitán höflich und ausschweifend. Und verschwindet ein bisschen später hinter den Büschen, um seine Notdurft zu verrichten. So wie alle anderen auch. Dem Plumpsklo schenkt keiner Beachtung. Die schöne, weiße Porzellanschüssel hinter der Hütte des Capitán findet immerhin das  Interesse der Schweine und Hühner. Vielleicht wird sie ja eines Tages doch noch installliert. Oder sie findet eine neue Bestimmung. Als Blumentopf beispielsweise.

Diese Reportage wurde logistisch vom Schweizer Roten Kreuz unterstützt